Historisch belegbar ist es zwar nicht, dass die Familie Mozart einst in Salzburg mit dem musikalischen Werk eines Münnerstädters in Berührung kam. Denkbar sei es aber schon, sagt der Musikwissenschaftler Martin Jira. Denn Messen des 1712 in Münnerstadt geborenen Komponisten Georg Joachim Joseph Hahn wurden nachweislich in der Franziskanerkirche in Salzburg zu Lebzeiten Mozarts gespielt. Martin Jira beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem musikalischen Nachlass Hahns. In diesem Jahr will Martin Jira eine weitere Messe, die Messe von Hahn, in einer Neu-Überarbeitung im Stuttgarter Cornetto-Verlag veröffentlichen.

Als möglichen Termin der Wieder-Uraufführung hatte Martin Jira eigentlich das Pfingstfest 2022 anvisiert. Allerdings geht Regionalkantor Peter Rottmann - mit ihm laufen bereits die Planungen für eine Aufführung - davon aus, dass dieser Termin sich aufgrund der laufenden Kirchensanierung in der Stadtpfarrkirche nicht halten lässt. Der Chorraum müsse dazu wieder nutzbar sein. Peter Rottmann hofft jetzt darauf, dass im Spätsommer die Sanierung soweit abgeschlossen ist.

Auch Peter Rottmann ist überzeugt von der Qualität der Hahn´schen Messen. "Das ist große Musik." Er verweist darauf, dass Teile einer großen Hahnmesse ja bereits im Rahmen eines Weihnachtskonzertes in der Stadtpfarrkirche aufgeführt worden sind.

Denn heuer hat Georg Joachim Joseph Hahn ein Doppeljubiläum. Vor 310 Jahren wurde der Musiker in Münnerstadt geboren, und vor 250 Jahren starb er in seiner Geburtsstadt. Hier war er Kantor und Lehrer am Gymnasium und der Pfarrschule.

Modern für seine Zeit

Der Komponist Hahn war also ein bodenständiger Mensch und verwurzelt in der kleinen fränkischen Stadt. Umso erstaunlicher findet Martin Jira, dass Hahns Kompositionen immer auf der Höhe ihrer Zeit waren. Was Georg Joachim Joseph Hahn komponierte "hat ein ordentliches Niveau und ist gut zu machen", so das Urteil des Musikwissenschaftlers. Die Hahn-Messe, die er gerade bearbeite, sei entzückend. Sie vermittle einen Hauch von dem, was man sich unter dem Himmel vorstellt.

In Arbeit hat Martin Jira die Missa brevis 6 aus dem Opus 6 mit dem Namen "Liturgia vocali ac instrumentali sono magnificata". Entstanden ist sie 1754. Nach langer Suche hat Jira Ende des vergangenen Jahres endlich ein fast nahezu komplettes Exemplar der Komposition in einem Archiv ausfindig machen können. Für Martin Jira hat diese Messe neben den schönen Klangeffekten einen weiteren Vorteil: Sie lasse sich sowohl in einer großen Besetzung mit zwei Hörnern, zwei Violinen, Sopran, Alt, Tenor und Bass sowie Orgel und Cello aufführen, als auch in einer kleinen mit Sopran, Violine und Orgel. Die Notenliteratur, die Martin Jira veröffentlicht, wird beide Möglichkeiten enthalten.

Von Hahn selbst ist überliefert, "dass er für ländliche Chöre" schreibt. Es sei wohl Musik für den kirchlichen Alltag gewesen, meint Martin Jira und meint dies alles andere als abwertend. Hahns Werke haben Anspruch. "Er muss hier gute Musiker gehabt haben", ist für Martin Jira eine Schlussfolgerung aus dem ihm vorliegenden Notenmaterial.

Die Werke müssen den Geschmack der damaligen Zeit durchaus getroffen haben. Hahns Werke waren weit verbreitet. Von Rumänien bis nach Großbritannien gelangte seine Musik. Aufschluss darauf geben Bibliotheken und Archive, in denen sich noch Noten des Münnerstädter Komponisten erhalten haben. Interessant findet Jira, dass Hahns Messen aus dieser Zeit schon in Druckform vorliegen. Das sei damals nicht üblich gewesen.

Vollständige Exemplare der Messe, die Martin Jira gerade überarbeitet, sind nur zwei erhalten, eine befindet sich im musikalischen Archiv der Universität von Oxford, eines im Kloster Engelberg in der Schweiz. Bei beiden hatte Martin Jira nach Kopien nachgefragt. In Oxford scheiterte das die ganze Zeit an Corona, das Kloster Engelberg hat auf seine Bitte nicht reagiert. Im Internationalen Register für musikalische Quellen entdeckte der Münnerstädter dann im Herbst, dass ein weiteres, nahezu vollständiges Exemplar der Messe; dies existiert in der Dombibliothek von Freising. Lediglich die Cello-Stimme fehlt hier. Das sei in diesem Fall nicht tragisch, weil Cello- und Orgelstimme gleich sind. In Freising hat man sich für die Bitte Jiras nach Kopien sehr offen gezeigt. "Die waren extrem hilfsbereit", sagt er.

Für die Überarbeitung des historischen Musikwerkes verbringt Martin Jira viele Stunden am Computer. Dabei setzt er auf die Unterstützung durch ein professionelles Musikprogramm. Es entstehen die druckfertigen Partituren für die mehrstimmige Messe.

Das Leben und Werk Georg Joachim Joseph Hahn fasziniert Martin Jira auch deshalb, weil dieser in Münnerstadt gelebt hat und es seine Musik verdiene, nicht in Vergessenheit zu geraten. Vorgenommen hat sich Martin Jira, in den nächsten Jahren jährlich eine Messe Hahns zu veröffentlichen.

Buchner: Unterfränkischer Kosmopolit

Doch der Münnerstädter Komponist des 18. Jahrhunderts ist nicht der einzige, mit dessen Werk sich Martin Jira intensiv auseinandersetzt und veröffentlicht, damit es wieder zur Aufführung kommt. Fasziniert ist Jira vom Werk des Komponisten Philipp Friedrich Buchner. Dieser war im 17. Jahrhundert Kapellmeister des Würzburger Fürstbischofs Johann Philipp von Schönborn. Buchner, 1614 in Wertheim geboren, sagt Martin Jira, "ist ein echter Kosmopolit"; denn ehe er nach Würzburg gekommen war, war er Musiker beim Reichsfürsten Stanislaw Lubomirski in Polen und reiste auch nach Italien.

Martin Jira schwärmt von der Qualität der Buchner´schen Kompositionen, die auf Augenhöhe mit Werken bekannter zeitgenössischer Künstler stünden. Auch Notenmaterial Buchners will Jira neu veröffentlichen.

Er wünscht sich, dass sich die Leute in Unterfranken bewusst werden, was sie hier haben. Buchners Grabplatte ist bis heute im Würzburger Domkreuzgang erhalten.