Marion Krüger-Hundrup Die Stille hier auf der waldigen Anhöhe zwischen Demmelsdorf und Zeckendorf ist ohrenbetäubend. Da ist das kratzende Geräusch des Schlüssels, der sich im Türschloss dreht, schon willkommen. Schweigend öffnet Georg Baumann das Tor, geht hindurch und bleibt aufseufzend stehen. Obwohl der 84-Jährige diesen Ort wohl wie kein anderer Demmelsdorfer gut kennt, wird jeder Besuch eine innere Prüfung. Eine Mahnung, nicht zu vergessen.

598 Grabsteine

Georg Baumann führt die Journalistin auf den Friedhof, auf dem die jüdischen Gemeinden von Demmelsdorf und Zeckendorf ihre Toten bestatteten. 598 Grabsteine verteilen sich auf dem L-förmigen Areal, der älteste stammt aus dem Jahr 1656. Ein Datum aus jüngster Zeit findet sich nicht: Als am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg endete, war auch alles jüdische Leben in Demmelsdorf erloschen. Wer nach 1933 nicht ins Ausland emigrieren konnte und blieb, wurde ermordet. 1942 verliert sich die Spur der letzten 14 Demmelsdorfer Juden in den Konzentrationslagern Izbica und Theresienstadt.

Georg Baumann gibt diesen Opfern zumindest ihre Namen zurück: David Michael Banda und seine Familie. Jakob und Klara Berg, geb. Satzmann. Ida Fleischer, geb. Heimann. Klara Goldschmidt. Adelheid Haas, geb. Wahlhaus. Emil Heimann und seine Familie. Rose Himmelreich, geb. Herrmann. Oder Familie Max Mannheimer. Oder Ida Selling, geb. Goldschmied. Und, und, und ...

Sorgfältig in Aktenordnern abgeheftet, hütet der pensionierte Postbeamte Baumann seine in jahrelanger Arbeit gesammelten Unterlagen über das einst so bezeichnete "Judendorf Demmelsdorf", dem heutigen Ortsteil von Scheßlitz mit rund 300 Einwohnern.Anfang des 19. Jahrhunderts lebten mehr Juden (136) als Christen (71) in Demmelsdorf. "Bereits im 13. Jahrhundert haben hier Juden gesiedelt, die zum Teil bei Unruhen des Rindfleischaufstandes im Jahr 1298 umgekommen sind, der andere Teil ist vermutlich fortgezogen", erzählt Georg Baumann und blättert weiter in seiner Sammlung.

Gut integriert

Er berichtet über die erste Demmelsdorfer Synagoge, die erst 1748 entstand. Von "gut integrierten jüdischen Mitbürgern, die geachtet und in der Gemeindeverwaltung vertreten waren". Bei religiösen Festen hätten Juden wie Christen ihre Straßen und Häuser geschmückt und sich gegenseitig besucht. Ja, viele Christen "fanden als Viehtreiber, Knechte, Mägde und Haushaltshilfen Arbeit bei den Juden", so Georg Baumann. Und die jüdischen Bürger "beteiligten sich finanziell am Bau der neuen Schule mit Anbau einer Judenschule sowie am Bau der neuen Wasserleitung mit Hausanschluss". Dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht. "Auch in Demmelsdorf gab es ein paar hundertprozentige Nazis, die versuchten, die Jugend gegen die Juden aufzuhetzen", beklagt Georg Baumann. In der Reichspogromnacht 9./10. November 1938 seien es jedoch überwiegend SA-Männer aus Bamberg gewesen, die die Synagoge in Brand steckten. Es sei zu schweren Gewalt- und Plünderungsakten gegen die jüdischen Einwohner und ihre Wohnungen gekommen. Dabei wurde auch ein halb blinder, alter jüdischer Einwohner (Jakob Berg) aus seiner Wohnung gezerrt und geschlagen, bis der Ortsgruppenleiter von Scheßlitz dazwischentrat und den Misshandlungen ein Ende bereitete. Die jüdischen Männer wurden verhaftet und zu Fuß nach Scheßlitz verbracht, von hier aus auf Lastautos in das Bamberger Gefängnis.

Die ersten Kontakte

Schon bald nach Kriegsende gab es erste zaghafte Briefkontakte zwischen ehemaligen jüdischen Bürgern aus Demmelsdorf, die auswandern konnten, und Ortsbewohnern. Auch Georg Baumann gehört zu denen, die bis heute mit Nachkommen Kontakt pflegen. Die keine öffentliche Gedenkstunde für die Demmelsdorfer Juden versäumen und damit den Opfern ihren Respekt zollen.

"Ich will meinen Heimatort nicht schönreden", versichert der agile Senior Baumann. Er wolle aber "Tatsachen benennen, die ich alle belegen kann". Und er kann genau in Demmelsdorf Spuren des einstigen jüdischen Lebens zeigen. Beispielsweise den Platz, an dem die Synagoge stand, und wo sich jetzt die freiwillige Feuerwehr befindet. Oder die beiden erhaltenen Säulen, die den Eingang zur Judenschule flankierten. Oder als steinernes Zeugnis in einem Privatgarten die Mauerreste der früheren Mikwe.