Was vollendete Gesangskunst ist und welche tiefen Spuren sie beim Hörer zu hinterlassen vermag, erfuhren die Besucher eines "pro musica"-Konzerts. Der lyrische Tenor Tilman Lichdi und der Konzertgitarrist Klaus Jäckle musizierten im Höchstadter Schlossgewölbe Franz Schuberts "Winterreise" - gesangstechnisch wie gestalterisch die Herausforderung des Kunstliedgesangs schlechthin.

Schuberts spätes Opus aus dem Jahr 1827 ist ein zutiefst berührender Spiegel unterschiedlichster Seelenregungen des Winter-Wanderers auf eine verschmähte Liebe, ein Psychogramm infolge von menschlicher Verletzung; aber auch Ausdruck eines typisch "romantischen" Fatalismus.

Bei seiner sängerischen Gestaltung der 25 Lieder durchlebt Tilman Lichdi den tragischen Weg des Einsamen und zwingt die Hörer, ihm zu folgen. Als künstlerische Mittel stehen ihm dabei alle Fertigkeiten zur Verfügung, die dem hohen Anspruch genügen müssen: Eine makellos schöne Tenorstimme und eine Textpräsenz, die auch noch den "letzten Stuhl" erreichte. Faszinierend war etwas, das Lichdi vermutlich aus der Aktion in der Oper übernommen hat: Die Übertragung von innerem Erleben in Mimik. Lichdi will den Hörer "packen".

Meistergitarrist Jäckle spielt die ursächliche Klavierbegleitung in einer eigenen Bearbeitung. Das ist (heute) legitim, wenn der historische Kontext des Hausmusizierens stimmt, für den die Lieder zunächst gedacht waren. Diesen Anspruch erfüllt Jäckle mit Geschmack, einer stupenden Technik auf seinem Instrument, mit der horchenden und atmenden Aufmerksamkeit, mit der er den Sänger "begleitet". Das Ergebnis des Zusammenwirkens kann man nur beglückend nennen.

Nach dem berühmten und gefürchteten letzten Lied der "Winterreise" schließt der Zyklus zunächst mit Betroffenheit, danach jedoch mit frenetischem Applaus und stehenden Ovationen. Gotthard Ernst