In der an schönen Plätzen wahrlich nicht armen Kurstadt gibt es ein kaum beachtetes Juwel, das geradezu darauf wartet, entdeckt zu werden. Unverputzte niedrige Steingebäude umrahmen ein großes Karree. Mit rotem Biberschwanz gedeckte Ziegel gestalten eine anheimelnde Dachlandschaft.

Inmitten der Anlage ein Prachtexemplar von Linde, deren ausladenden Äste einem mit niedrigen Büschen eingefassten, kleinen Platz ein schützendes schattiges Dach geben. Unter diesem grünen Schattenspender lässt es sich trefflich feiern. Immerhin gibt ein großer Torbogen den Blick frei in die Welt draußen. Dort fährt gerade die Postkutsche vorbei. Die Zeit scheint stillzustehen.

An die Linde gelehnt steht Marcus Schneider aus Altenstein in den Haßbergen mit seinem Schifferklavier, um ihn herum vielleicht zwei Dutzend Seniorinnen und Senioren, aufgeschlagene Liederbücher in den Händen, und singen. Volkslieder, Heimatlieder, populäre Schlager, was man sich halt so wünscht in froher Runde.

Natürlich auch Lieder von der Linde, wo es heißt: "Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit, wo wir uns finden, wohl unter Linden"... Die Linde steht für Heimat und Gemeinschaft, für treffen, tanzen, trinken, fröhlich sein und eben singen. Schon Walther von der Vogelweide dichtete: "Unter der Linden an der Heide ..."

Es gibt in Bad Kissingen einen Freundeskreis "Menschen treffen Menschen 55+", den der Kissinger Herbert Schmitt leitet, und in Meiningen gibt es die "Lachfalten", einen Tanzkreis für Senioren, für den Anja Schneider verantwortlich zeichnet. Man kennt sich, und weil man ähnliche Ziele hat, beschließt man, in Anlehnung an das Wirtshaussingen, etwas Ähnliches für die ältere Generation zu veranstalten, erinnert sich an das Lindensingen von früher und findet an der Unteren Saline einen wunderbaren Platz. Der Besitzer, die "Immobilien Bayern", hat nichts dagegen, man holt sich den Seniorenbeirat des Stadtrats an die Seite, und weil das alles im Ehrenamt geschieht, hat die Stadt ein nettes und kostenloses Angebot für Alleinstehende, Paare und Zugezogene der Generation silbernes Haar.

Jetzt, wo es erste Lockerungen gibt, dürfe man nicht leichtsinnig werden, meinen Herbert Schmitt und Anja Schneider. Anmelden ist Pflicht, maximal 50 Plätze stehen zur Verfügung, es wird eine Teilnehmerliste geführt, der Impfpass ist vorzuzeigen, und wer nicht vollständig geimpft ist, muss sich einem Schnelltest unterziehen. Man sitzt auf Abstand, aber es gibt immerhin Getränke und sogar ein kleines Brotzeitkörbchen zu kaufen.

Es ist ein kleines Stück wiedergewonnene Lebensfreude, und so wird dankbar mitgeschmettert bei "Schwer mit den Schätzen des Orients beladen", bei "Heimatlos" und bei "Marmor, Stein und Eisen bricht".

Die nächsten Termine: jeweils donnerstags 29.7., 12.8., 2.9., 30.9. unter 0151/110 528 81 ("Menschen treffen Menschen+55") oder 0151/372 902 53 ("Lachfalten")