Über Mangel an Problemen können die Landwirte in der Region nicht klagen. Düngeverordnungen, neue Bestimmungen zu Tierwohl, Pflanzenschutz, Gewässerschutz oder die Ackerbaustrategie 2035 der EU bereiten ihnen Kummer. Doch aktuell brennt ihnen etwas anderes auf den Nägeln - der Schweinestau. In der (Video-)Diskussion mit dem Vorsitzenden des Arbeitskreises Ernährung und Landwirtschaft des Bundestages, Artur Auernhammer (CSU), zeichnete sich am Dienstagabend kaum mehr als ein Hoffnungsschimmer ab.

Der Bundestagabgeordnete weiß: "Eine Million Schweine stehen derzeit zur Schlachtung an", ein Berg, dessen Abbau wohl nicht so schnell gelingen wird. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Eine davon liegt in der Corona-Pandemie begründet. Viele Schlachtbetriebe mussten zeitweise schließen. Schweine konnten nicht geschlachtet werden, obwohl sie das vorgesehene Gewicht längst erreicht hatten.

Es wird eng in den Ställen

"Jetzt werden sie immer schwerer und das führt zu weiteren Problemen", erklärt Hans Rebelein, Geschäftsführer des Bauernverbandes in Coburg. Mit dem Gewicht steigt nämlich auch der Platzbedarf, der den Tieren geschaffen werden müsste. Das ist aber nicht möglich, weil weder so schnell angebaut werden kann noch Tiere zum Schlachten gegeben werden können. Die Mäster müssen die Tiere weiter füttern. Bei einem üblichen Schlachtpreis von etwa 105 Euro für das 100 Kilo schwere Schwein ist der ohnehin geringe Gewinn rasch aufgezehrt.

Mit jedem Kilo Gewichtszunahme rückt eine weitere Grenze näher, die den Verkauf zum Minusgeschäft werden lässt: "Wenn sie mal mehr als 120 Kilo haben, wird nur noch der Muttersaupreis gezahlt. Das sind 70 bis 80 Cent je Kilo", sagt Hans Rebelein. Das Problem der Mäster wird rasch zum Problem der Ferkelerzeuger. Sie bekommen ihre Ferkel nicht los, weil die Mäster ihre Ställe nicht leer bekommen. Auch für sie wird es zum Problem, wenn die Tiere immer schwerer werden. Und sie können schlechter reagieren. Wenn ein Mäster sieht, dass der Absatz gefährdet ist, kann er seinen Stall eine Weile leer lassen. Im Muttersaubetrieb muss der Landwirt schon planen, ob er Sauen aufstellt - und er muss fast vier Monate vor dem möglichen Verkauf entscheiden, ob er die Sauen decken lässt.

Inzwischen dürfen Schlachtbetriebe wieder arbeiten. Doch sie erreichen nicht die gewohnte Kapazität. "Das Problem ist, dass Arbeiter aus Osteuropa fehlen", erklärt Artur Auernhammer. Diese Arbeitskräfte durften wegen Corona zeitweise gar nicht, dann nur unter hohen Auflagen ins Land. Die Heimfahrt am Wochenende war untersagt. "Da bleiben die lieber gleich daheim, gerade jetzt, wo es auf Weihnachten zu geht", ergänzt Hans Rebelein.

Keine volle Kapazität

Mit reduzierter Mitarbeiterzahl fahren viele Schlachtbetriebe jetzt die Kapazität langsam auf 70 bis 80 Prozent hoch. Das, hofft Artur Auernhammer, werde helfen, damit der Schweinestau nicht noch größer wird. Viel kleiner wird er so aber wohl auch nicht. Dazu kommt, dass in Brandenburg und Sachsen wegen erster Fälle der afrikanischen Schweinepest (ASP) Schweine aus anderen Bundesländern auch nicht zur Schlachtung gebracht werden können.

Kritik an Strukturpolitik

Für Hans Rebelein rächt sich hier die Politik der vergangenen Jahre. "Kleine Schlachtstrukturen wurden vielfach kaputt gemacht. Dabei haben gerade die eine regionale Versorgung gesichert, und die gesamte Struktur wäre nicht so anfällig gewesen", betont er und trauert dem Schlachthof in Coburg nach. Einem Betrieb, in dem keine Billigarbeiter aus dem Ausland beschäftigt wurden, die womöglich auch noch schlecht untergebracht waren, wie er erinnert: "Das waren Beschäftigte bei der Stadt Coburg, die wohl etwas drauflegen musste, aber da fragt man sich schon, was so eine Versorgung der Gesellschaft wert ist", sagt Hans Rebelein.

Jetzt ist das Problem akut. Betroffen sind 151 Mastbetriebe und 40 Betriebe mit Muttersauhaltung im Landkreis mit insgesamt rund 66 000 Schweinen - so jedenfalls die Zahlen von 2019, die Hans Rebelein vorliegen. Und mit der Möglichkeit, wieder zu schlachten, ist das Problem nicht gelöst. Denn es wird schwierig, noch etwas an den Tieren zu verdienen. Einerseits wegen der Kosten für die verlängerte Haltung in den Ställen, andererseits, weil die Preise für Schweinefleisch immer weiter unter Druck geraten.

Gleichzeitig steigen die Kosten. "China kauft zurzeit Weizen in großen Mengen auf, das schlägt auf den Weltmarktpreis bei den Futtermitteln durch", erklärt Hans Rebelein. Gleichzeitig kauft China - sonst einer der größten Abnehmer - zurzeit keine Schweine aus Ländern, in denen aus chinesischer Sicht die Gefahr der Schweinepest hoch ist. Deutschland gehört da seit September bereits dazu. Eine Lösung könnte darin bestehen, mit Ländern zu verhandeln, die China noch beliefern dürfen, dass die den Export der eigenen Schweine noch verstärken und dafür den Bedarf in ihrem Land durch Schweine aus Deutschland decken. Doch das ist nicht so leicht zu erreichen.

Als wären das nicht Probleme genug, droht nun eine Ausbreitung der ASP durch Wildschweine. Die Politik ruft Jäger zu höherem Abschuss auf und zahlt schon Prämien für erlegte Schwarzkittel - allerdings regional sehr unterschiedlich, was zu Verstimmungen führt. Weil die Jagd allein das Problem nicht regeln kann, sollen Zäune helfen, die Ausbreitung zu bremsen. Elektrozäune. Doch Hans Rebelein weiß: "Die Bauern in Grenzregionen beschweren sich, dass kein Strom auf den Zäunen ist. Auf Nachfrage zeigt sich dann, dass sich die Landkreise der unterschiedlichen Bundesländer streiten, wer den Strom bereitstellen soll."

Verlagerung ins Ausland

Umstände, die immer weniger Landwirten Lust auf Schweinehaltung machen. Die ist in der Region in den vergangenen Jahren ohnehin schon sehr zurückgegangen, so Hans Rebelein. Er gibt zu bedenken: "Wenn wir die Schweinehaltung bei uns verdrängen, dann muss uns klar sein, dass unser Schweinefleisch eben aus anderen Ländern kommt. Dann ist bei uns alles super, und wie die Haltung dort aussieht, interessiert niemanden."