Normalerweise spielt Claudio Estay nur auf den großen Bühnen der Welt oder in München am Nationaltheater, im Cuvillies-Theater, im Aerodynamik-Windkanal der BWM-Group. Estay stammt aus Chile, und hat sich bei den großen Symphonieorchestern einen Namen gemacht. Jetzt hat er seinen Förderer und Lehrer Peter Sadlo, einen Weltklasse-Percussionisten, der viel zu jung verstorben ist, beerbt und tritt als Dozent der internationalen Musikbegegnungsstätte Haus Marteau auf

Im Haus Marteau übte Estay innerhalb einer Woche mit Johannes Kaul, Johannes Kilian, Leon Lorenz, Elias Doggenweiler Menkhaus und Giovanni Nardo täglich von zehn bis halb neun Uhr abends Stücke für Percussion ein. Im Rahmen der Konzertreihe "Haus Marteau auf Reisen", präsentierte Estay mit den Nachwuchsmusikern ein beachtliches Programm mit vielen Facetten.

Das wohl anrührendste Werk des musikalischen Abends war Johann Sebastian Bachs unvollendete Fuge aus "Kunst der Fuge". Nicht nur, dass es sich bei dem Werk um ein richtig diffiziles Stück, das selbst Profis einiges abverlangt, handelt. Claudio Estay wollte das Werk eigentlich gemeinsam mit seinem Förderer Peter Sadlo aufführen. Doch es kam nicht mehr dazu.

Ein Meisterwerk

Im Konzertprogramm, das er gemeinsam mit dem Percussion-Nachwuchs einstudiert hatte, wurde das Stück zum Meisterwerk: Bis heute ist unklar, für welche Instrumente Bach diese Fuge, die der Höhepunkt seines künstlerischen Wirkens werden sollte, geschrieben hatte. "Heute wird es von Streichquartteten gespielt, auch von Organisten. Warum nicht auch von Percussionisten?", sagte Estay.

Das gesamte Programm des Meisterkurses war ein musikalisches Erlebnis: So eröffneten die Schlagzeuger mit Mozarts bekannter Ouvertüre aus der Oper "Die Zauberflöte" den musikalischen Abend in der Dr.-Stammberger-Halle. Schon beim ersten Stück fiel auf, dass Percussion nichts mit Lautstärke zu tun hat, sondern mit viel Fingerspitzengefühl und einzigartiger Melodik.

Wunderschöne Melodien zauberten die Ausnahme-Instrumentalisten mit ihren Vibraphonen, indem sie ein Menuett von Johann Sebastian Bach und das dunkel-geheimnisvolle "La Mort d'Ase" von Edvard Grieg intonierten.

Besondere Höhepunkte waren die Solo-Darbietungen: Giovanni Nardo aus Italien begeisterte mit "Esegesi für Vibraphon solo" von Robert Bocca und Leon Lorenz mit einer atemberaubend-virtuosen Komposition von Iannis Xenaxis: Rebonds B.

Für heitere Auflockerung sorgte das Stück "Mischen Possible", ein Percussion-Werk, das nur mit Spielkarten intoniert wurde.

Mit dem schwierigen "Gainsborough" von Thomas Ganger ging das Konzert vor einem handverlesenen Publikum zu Ende. Nur knapp fünfzig Zuhörer waren in die Dr.-Stammberger-Halle gekommen, um dem Live-Musikerlebnis zu frönen. Doch die Kulturfans wurden zusätzlich mit einem afrikanisch anmutenden "Talking Drums"-Special als Zugabe belohnt.