Der erste herbstliche Morgendunst hängt in den Gassen der Innenstadt und die Bäume beginnen ihr Laub abzuwerfen. Von Herbstmelancholie ist bei Stefan Matthes allerdings keine Spur. Pfeifend schiebt der Kultpostbote seinen mit Briefen beladenen Handkarren die Ludwigsstraße hinab. Ein Hauch Wehmut ist dem 64-Jährigen dennoch anzumerken - fallen doch bald die vielen Begegnungen mit Menschen weg: Stefan Matthes geht Ende September in den Ruhestand.

"Ich habe mir in meinem Bezirk die Sympathie der Leute erarbeitet", sagt er. Dass er damit richtig liegt, zeigt sich bei seiner Morgenrunde durch die Innenstadt. Über die Straße hinweg grüßen ihn die Menschen. Wo er in die Häuser mit Post hinein geht, kommt er mit kleinen Geschenken zurück. "Das ist das Schöne. Man erfährt eine große Wertschätzung von den Leuten." Das hängt auch mit seiner freundlichen und offenen Art zusammen. Hie und da bleibt er stehen, um sich mit den Menschen kurz zu unterhalten. Stefan Matthes ist mehr als nur Postbote - er ist für viele in der Innenstadt ein wichtiger Bezugspunkt. "Moin Stefan, alles gut?", hallt es über die Prinzregentenstraße. Stefan Matthes lächelt und stellt fest: "Das sind die Dinge."

Meistens ist er bereits zu hören, bevor er zu sehen ist. Grund dafür ist sein Markenzeichen, hat er doch stets eine fröhliche Melodie auf den Lippen. Nachgefragt: Herr Matthes - welche Melodien pfeifen Sie eigentlich immer? "Es ist ganz unterschiedlich. Mal das, was mir im Kopf ist, oder ein Blasmusik-Stück. Ich kann das manchmal gar nicht stoppen." Denn: Musik ist Teil seines Lebens. "Mit elf Jahren habe ich Trompete gelernt", sagt der gebürtige Premicher, der mittlerweile in Burkardroth lebt."Es kamen dann noch einige Instrument dazu. Man will ja doch ein bisschen flexibel sein."

Seine Musikalität ist bekannt, nicht umsonst ist er seit 31 Jahren Dirigent der Bad Kissinger Postkapelle. "Ein Ehepaar hat mich mal nach dem Weg gefragt. Wir sind dann ins Gespräch gekommen." Es stellte sich heraus, dass der Aufenthalt in Bad Kissingen ein Geburtstagsgeschenk des Ehemanns an seine Frau war. "Sie haben dann gefragt, wie das am Abend angekündigte Bläserkonzert wird." Der Postbote empfahl den Eheleuten einen Besuch. "Das waren ja wir von der Postkapelle. In der Moderation habe ich das dann angesprochen und in den Saal gefragt, ob die beiden da sind." Und tatsächlich: "Die beiden sind aufgestanden. Ich habe dann auf den Geburtstag der Frau hingewiesen. Der ganze Saal hat sie dann hochleben lassen. Die Frau kam danach tränenüberströmt zu mir vor Freude.Das wird sie sicher nie vergessen", sagt er.

Keine bissigen Hunde in der Kernstadt

Solche positiven Momente im Berufsleben würden überwiegen. Schlechte Erfahrungen - etwa mit widrigem Wetter - hat er wenige. "Ich bin in meinem ganzen Leben als Briefträger auch nie von einem Hund gebissen worden." Der 64-Jährige fügt an: "Toi, Toi, Toi für die letzten Tage." Vor schweren Lasten wie Paketen mit Sperrgutmaßen ist er mittlerweile gefeit. Während seiner Anfangszeit, als er unter anderem als Paketfahrer unterwegs war, sah das anders aus. Im Gedächtnis geblieben sind dem pfeifenden Kurier auch Zeiten, in denen die Post eine überregionale Tageszeitung zustellte. "Die ging an fast jeden. Wir haben danach ausgesehen - unfassbar. Unsere Hände waren komplett voller Druckerschwärze." Mittlerweile bleiben die Hände sauber und andere Dinge füllen seinen Postkarren: "Ich habe vor allem Briefpost und kleinförmige Pakete." Damit ist er eine Zeitlang beschäftigt. "Es sind pro Tag geschätzt etwa 1000 Briefe." Fertig mit seinen Runden ist er am frühen Nachmittag. Dann kommt der Feierabend. Ab dem 30. September hat er schon vorher Zeit. Dann ist Stefan Matthes im Ruhestand. "Ich möchte dann einen Tag in der Woche an der Bad Kissinger "Tafel" helfen. Ansonsten habe ich meinen Garten und meine Musik", sagt er.