Schonungslos hart: Miss Allie fetzt in Bad Staffelstein

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Sie sagt, was sie denkt. Sie singt, was sie fühlt. Miss Allie begeisterte bei ihrem Auftritt am Samstagabend auf der Seebühne in Bad Staffelstein.Andrea Herdegen
Sie sagt, was sie denkt. Sie singt, was sie fühlt. Miss Allie begeisterte bei ihrem Auftritt am Samstagabend auf der Seebühne in Bad Staffelstein.Andrea Herdegen

Miss Allie steht auf der Seebühne in Bad Staffelstein unter Strom

Dass diese Frau mal drei Jahre in Australien gelebt hat, das merkt man schon bei den ersten rockigen Riffs. Sie fetzt auf der E-Gitarre, original wie Angus Young von AC/DC. Als sie ermattet die Hände sinken lässt, geht das fulminante Solo unvermindert weiter. Das ist Angus Young, der da spielt. Ein paar Sekunden erst steht Miss Allie am Samstagabend, 8. August 2026, auf der Seebühne von Bad Staffelstein – und schon hat sie sich die ersten herzhaften Lacher abgeholt.

Es wird ein lustiger Abend werden, voll mit ernsten Themen. Miss Allie ist Komödiantin, Pop-Sängerin, Liedermacherin. Eine schubladenübergreifende Musik-Attraktion. Sie verpackt ihre Fassungslosigkeit über die Lage der Welt, ihren Ärger über männliche Dominanz und Ignoranz in energiegeladene Lieder mit schonungslos harten, immer aber auch augenzwinkernd witzigen Texten.

Zurück in die Vergangenheit

So erzählt sie von ihrer ergebnislosen Aggressionsbewältigungstherapie, die sie von ihrer nicht mehr kontrollierbaren Wut befreien sollte über einen alten Mann mit einem noch älteren Weltbild, der auf der anderen Seite des Atlantiks ein modernes Land in die Vergangenheit regiert.

An das lose Mundwerk und die jedes Tabu ignorierenden Aussagen hat man sich schnell gewöhnt. Es ist eine Freude, jemandem zuzuhören, der das Blatt vorm Mund als unzulässige künstlerische Einschränkung ächtet. Fürsorglich warnt Miss Allie nach einer untergürtellinigen Textzeile: „Das war noch nicht die schlimmste Stelle. Macht euch mal locker. Da kommt noch mehr.“

Miss Allie: Berliner Schnauze, die singt, was sie fühlt

Sie hält Wort. Als gebürtige Berlinerin hat sie die sprichwörtliche Schnauze der Hauptstädter mitbekommen. Dass sie jetzt in Hamburg lebt, hat ihr bislang noch keine hanseatische Zurückhaltung eingebracht. Sie sagt, was sie denkt. Sie singt, was sie fühlt.

Sie ist knallhart und beängstigend offen. Dann aber wieder ganz weich und verletzlich. Das sind die Momente, in denen man Miss Allie in den Arm nehmen und trösten möchte. Aber das geht ja nicht. „Ich hab‘ hier meinen Burggraben“, sagt sie und zeigt auf den Wasserstreifen zwischen sich und ihrem Publikum. „Mit Krokodilen! Also nix mit Anfassen heute.“

Reise durch Seelen-Achterbahn von Miss Allie

Miss Allie nimmt die knapp tausend Besucher auf den Rängen der fast ausverkauften Seebühne mit auf eine Reise durch ihr Leben. Auf den Work-and-Travel-Trip durch Australien, bei dem sie in Tasmanien die große Liebe ihres Lebens kennenlernt und einfach drei Jahre bleibt. Auf die Seelen-Achterbahn in den sieben Jahren Liebeskummer, die der Trennung folgen.

Immer nimmt sie sich dabei selbst auf die Schippe. „Was macht man, wenn man nicht weiß, wohin mit seinen Gefühlen?“, fragt sie. Und schiebt die Antwort gleich nach: „Man schreibt einen Song.“ Durch ihren Herzschmerz finanziere sie mittlerweile ein ganzes Team. „Ich muss immer wieder fallen, um dann wieder zu fliegen“, heißt es in einem Lied.

Grölen im Kurpark Bad Staffelstein

Das Publikum erlebt dieses emotionale Auf und Ab in ihren Songs. Manchmal dürfen die Leute mitmachen, aber natürlich sind die Mitsing-Zeilen bei Miss Allie anders als gewohnt.

„Aus Scheiße wird Gold“ fordert sie vom Publikums-Chor, oder, noch eine Umdrehung schwieriger, „Papiertütenkack-Imperium“. Egal, dem nur anderthalb Meter großen Power-Paket, das da barfuß auf der Bühne steht, tut man gern den Gefallen, auch so etwas in den Kurpark-Abend zu grölen.

Konzert von Miss Allie: Hymne für die Gleichberechtigung

Miss Allie stimmt eine Hymne für die Gleichberechtigung an, haucht ein Liebeslied, das am Ufer der Seine in Paris spielt, verdeutlicht dann wieder „Nein heißt nein“ und durchlebt als von einer Fee verzauberter Macho Dieter dreimal den Monatszyklus einer Frau.

Die Themenbreite dieser Künstlerin ist verblüffend, die Authentizität und die enorme Bühnenpräsenz von Miss Allie packt die Zuhörer und lässt sie nicht mehr los. Nachdenklich macht der eindringliche politische Song „Europa“, in dem sie fleht, „dass Altes nicht nochmal gewinnen kann“.

Zugabe um Zugabe

Längst ist es dunkel geworden in Bad Staffelstein, doch Miss Allie spielt immer noch. Zugabe um Zugabe. Einerseits, weil die Fans das mit lautstarkem Applaus fordern. Andererseits, weil sie beim Abgang den Ausgang nicht finden kann. Eine Helferin aus ihrem Team erlöst sie schließlich, lotst sie nach 130 Konzertminuten von der Bühne. Schade, man hätte ihr noch stundenlang zuhören können.