Neudrossenfeld —  Es schwang ein bisschen Wehmut mit bei den 11. Neudrossenfelder Europatagen. Weil alles anders war und Corona ein sonst gewohntes Zusammensein von allen an einem ganzen Wochenende verhinderte.

Bisher prägten immer bunte Bilder mit Menschen aus verschiedenen Nationalitäten das schöne Dorf im Rotmaintal, insbesonders das große Europafest mit Folkloregruppen aus Partnerländern zog die Blicke auf sich entlang des Schlossplatzes, am Marktplatz und auf dem Gelände des Bräuwercks. Tausende von Besuchern feierten stets den Gedanken an einen gemeinsamen Kontinent, den es an der Basis zu stärken gilt. Ganz verzichten mussten sie jedoch auf das Spektakel nicht. Denn die Veranstalter haben am letzten Samstag ab 10 Uhr ein Live-Streaming über Youtube und die Mediathek auf www.europatag.eu präsentiert.

Dazu konnten all jene, die an den digitalen Formaten nicht teilnahmen, ab Sonntag eine 30-minutige Zusammenfassung mit den Höhepunkten der Europatage mehrfach im Regionalsender TV Oberfranken sehen. In Youtube geht das auch nachträglich noch. Und die Protagonisten der Europatage, die Gemeinde Neudrossenfeld, der Landkreis Kulmbach, die IHK Bayreuth und die Fördergesellschaft für Europäische Kommunikation (FEK), mit Unterstützung der Oberfrankenstiftung, hatten ein kurzweiliges Programm zusammengestellt.

Vertreter der triestinischen und der oberfränkischen Wirtschaft gaben im Rahmen einer Live-Schalte in Zusammenarbeit mit der Italienischen Handelskammer Stuttgart-München und der Triester Tageszeitung "Il Piccolo" einen Einblick zum bayerisch-triestinischen Wirtschaftsdialog. Das war deswegen naheliegend, weil Triest an der Adria diesmal im Fokus stand unter dem Slogan "Trieste - citta mitteleuropea". Zum Nachmittag gehörte ebenso die Preisverleihung eines erstmaligen Malwettbewerbs für Schulkinder, der mit über 150 Einsendungen sehr erfolgreich war. Für die jeweils drei besten Arbeiten in den verschiedenen Kategorien der Klassen 1 bis 11 gab es Präsente.

Spannend war der geschichtliche Ritt des Münchner Historikers Bernd Rill durch die Geschichte von Triest.

Unternehmerin und Kulturförderin

Als Herzstück des Tages verlieh die FEK tradtionsgemäß die FEK-Europamedaille Kaiser Karl IV., die auch 2021 wieder unter dem Ehrenschutz der Stiftung Nürnberger Versicherungen stand. Rückten da in der Vergangenheit schon so bedeutende Persönlichkeiten wie der frühere Außenminister Hans Dietrich Genscher, der ehemalige Finanzminister Theo Waigel, der ungarische Ex-Ministerpräsident Gyulia Horn oder der einstige tschechische Außenminister Fürst Karl zu Schwarzenberg, in den Blickpunkt, kam heuer eine Frau aus dem oberfränkischen Raum hinzu: Laura Krainz-Leupoldt aus Weißenstadt im Fichtelgebirge. Sie ist Unternehmerin und Förderin von Kunst und Kultur und in Triest geboren. Außerdem bekam die Europamedaille der bekannte Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz, ebenfalls aus der italienischen Hafenstadt. Den FEK-Freiheitsring erhielt das Ehepaar Sara Hoffmann-Cumani und Claudio Cumani aus Garching. Sara Hoffmann engagiert sich stark für das Europäische Parlament München, der Ehemann ist Astrophysiker und Mitglied des bayerischen Integrationsrates.

Alle vier Geehrten sind nun im Skulpturengarten neben dem Schlossplatz mit ihren Köpfen auf einem Sandsteinwürfel verewigt, den man drehen kann. Das war eine neue Idee von Bildhauer Albrecht Volk, der bisher alle Physiognomien auf einzelnen Stelen schuf. Warum Krainz-Leupoldt ausgezeichnet wurde, erläuterte Ingo Friedrich, der Ehrenpräsident des Europaparlamts, in seiner Laudatio. "Wenn man sich Ihren Lebensweg anschaut, haben Sie sich bereits als junge Studentin für den alten Kontinent interessiert und 1979 im Jahr der ersten Direktwahl des Europaparlaments einen europäischen Schulwetttbewerb mit einem Aufsatz über die Umweltverschmutzung gewonnen. Und haben gleich als Siegerin bei Treffen in Rom, Wien, Klagenfurt, auf Herrenchiemsee und in München Vielvölkerluft geschnuppert. Sie studierten in Wien und Klagenfurt Germanistik, Romanistik und Philosophie. Diese Werte und die Kunst sind seither die Leitmotive Ihres Lebens".

Nach der Einheirat in das bekannte Familienunternehmen PEMA aus Weißenstadt hat die Geehrte nicht nur die "Laura und Franz-Leupoldt-Stiftung zur Förderung von Kultur- und Völkerverständigung gegründet, sondern ebenso das "Kleine Museum" für zeitgenössige Kunst in Weißenstadt. "Es ist zu einem Tempel europäischen und weltweiten Kulturaustausches geworden", sagte Friedrich. Die neue Medaillenträgerin habe sich auch intensiv ins öffentliche Leben eingebracht. So ist sie Gründungsvorsitzende des Coburger Designforums, Vizepräsidentin der IHK Oberfranken Bayreuth, Senatorin des Europäischen Wirtschaftsenats und Kuratoriumsmitglied der Universität Bayreuth. "In Ihnen sind deutsche und italienische Tugenden vereint, so sollte auch Europa zusammenwachsen, Sie sind ein lebendiges Vorbild für Europa".

In ihrer Dankesrede erinnerte Krainz-Leupoldt an ihre persönliche Geschichte mit dem bereits erwähnten Wettbewerb in jungen Jahren. "Diese Erfahrung hat mein Leben im europäischen Sinne entscheidend geprägt, dadurch konnte ich dieses wunderbare Bauwerk Europäische Union kennenlernen. Zusammen mit meinem Mann konnte ich auch vieles zur Völkerverständigung und zur Förderung des europäischen Gedankens beitragen. Europa ist wie meine Geburtsstadt die Summe jüdischer und christlicher, griechischer und römischer Ideen. Diese Vielfalt muss erhalten bleiben".

In einer vierstündigen Live-Schaltung kamen auch diverse Aspekte aus der autonomen Provinz Friaul-Julisch-Venetien aus führlich zur Sprache. Besonders Wirtschaft und Kultur wurden in den Blickpunkt gerückt. IHK- Hauptgeschäftsführerin Gabriele Hohenner freute sich da, dass zumindest digital etwas möglich gewesen ist. "Wir von der IHK steuerten gerne einen Wirtschaftsdialog bei mit dem aktuellen Thema ,Der Hafen von Triest und die Verbindungen von Oberfranken und Bayern zu einem bedeutenden Logistikzentrum'". Der logistische Verbund zu fränkischen Region soll da noch ausgebaut werden.

Zudem fand ein Austausch zwischen drei italienischen Unternehmen und dem Präsidenten der IHK Triest unter Einbindung weiterer Gesprächspartner statt. Während Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz auf die Bedeutung Oberfankens als jetzige Drehscheibe des Ost-Westhandels aus früherer Randposition heraus, genau so wie Triest, hinwies, nannte Landrat Klaus Peter Söllner die Europatage ein Signal an der Basis des Volkes, weil der alte Kontinent unter Druck stehe. "Der Geist der Gründerväter muss wieder aufleben". Es gebe keine Alternative zu Europa, um so wichtiger sei es, den europäischen Gedanken zu pflegen. Ein kleines Stück dazu trage Neudrossenfeld alle zwei Jahre bei. Und Bürgermeister Harald Hübner freute sich, dass man die digitale Variante gemeinsam geschultert hat, "das war nicht einfach. Es fehlte jedoch schon das sonstige Wochenende von Freitag bis Sonntag in aller Präsenz und internationaler Nähe". Dem Spiritus rector der Schalte und Hauptorganisator Prof. Dr. Wolfgang Otto vom FEK-Vorstand stand schließlich die Erleichterung ins Gesicht geschrieben: "Es hat sich gelohnt" .