Manchmal erlebt man kuriose Momente am Amtsgericht Bamberg. Wie in einem Prozess wegen Untreue und Beihilfe dazu, die man drei Angeklagten aus den Landkreisen Bamberg und Coburg vorwirft. Im Mittelpunkt des Streites stehen rund 4500 Euro für Alkoholika und noch einmal knapp 600 Euro Mehrkosten für eine Verabschiedung im Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in Bamberg. Dafür sollen die beiden Bundespolizei-Mitarbeiter und ein Getränkelieferant aus Mittelfranken verantwortlich sein.

Wenn es nach Strafrichter Fahr geht, dann soll die Verhandlung eine knappe Viertelstunde dauern. Das ist angesichts oft stundenlanger Sitzungen und der komplizierten Materie ein ambitionierter Plan. Zeugen hat er deshalb nicht geladen. Denn für ihn, einen Fachmann für Zivilrecht, steht nach Prüfung der Akten fest, dass es gar keine Untreue gegeben hat.

Dabei hätte er gewarnt sein können, denn vor genau einem Jahr platzte der Prozess bei Strafrichter Matthias Schmolke schon einmal. Was war passiert?

Reinigungsaktion als Auslöser

Eine umfassende Reinigungsaktion aller Wirtschaftsgebäude in der Zollnerstraße im August 2017 brachte es an den Tag. In mehreren Räumen fanden sich kistenweise Alkoholika: 300 Flaschen Weißwein und 300 Flaschen Rotwein sowie 114 Flaschen Sekt, zehn Flaschen Whisky und 54 Flaschen Wodka listet die Anklageschrift auf. Dass es sich nicht um private Reserven handelte, machte schon das Bundespolizei-Logo klar, das auf der Vorderseite prangte. Dabei war es nicht erlaubt, alkoholische Getränke zu bestellen.

Während der Getränkelieferant und der zweite Mitarbeiter, ein Polizeibeamter, sich in Schweigen hüllten, bestritt der dritte Angeklagte, ein Küchenmeister mit zwei Jahrzehnten Berufserfahrung im öffentlichen Dienst, die Anklagepunkte. Vielmehr sei sein Vorgesetzter auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt, ob es möglich sei, alkoholische Getränke zu ordern. Immerhin habe es drei Monate nach dem Gespräch die offizielle Einweihung des Ausbildungszentrums der Bundespolizei gegeben, dann die Vereidigung der Polizeianwärter und schließlich die Weihnachtsfeier - alles mit Alkoholausschank.

Der Küchenmeister erklärte auch, der Standortleiter habe von der Bestellung gewusst, habe ja sogar das Etikett mit dem Bundespolizei-Logo ausgewählt, das hernach aufgeklebt wurde. "Wenn mein Chef mir einen Auftrag erteilt ..." Jedenfalls sei es eine Frechheit, ihm diese Sachen vorzuwerfen.

Im zweiten Tatkomplex, einer aus dem Ruder gelaufenen Bestellung von Speisen und Getränken zur Abschiedsfeier eines Polizeidirektors, ging es um eine Summe von knapp 570 Euro.

Richter Fahrs pragmatische Idee: Wenn der Schaden ersetzt würde, könne man den Anklagepunkt einstellen - auch weil sich keiner der Angeklagten in seinem langen Berufsleben bislang etwas hatte zuschulden kommen lassen und das Geschehen schon fast vier Jahre zurücklag. "Das ist doch alles keine Staatsaffäre. Schauen Sie mal, worum es letztlich geht."

Als Staatsanwalt Patrick Keller zur weiteren Aufklärung des Sachverhaltes eine ganze Reihe an Zeugen hören wollte und deren Ladung beantragte, lehnte Strafrichter Fahr dies kurzerhand ab.

Eine ungewöhnliche Wendung

So nahm das Verfahren eine ungewöhnliche Wendung: Seitens der Staatsanwaltschaft Bamberg stellte man einen Befangenheitsantrag gegen Richter Fahr. Ein äußerst seltener Vorgang, den er erst zweimal in seiner Laufbahn erlebt hätte, erklärte Rechtsanwalt Thomas Drehsen aus Bamberg.

Jetzt muss Fahrs Dienstvorgesetzte, Amtsgerichtsdirektorin Gudrun Göller, darüber entscheiden, ob sie den Strafrichter weiterhin mit dem Fall betraut, bestätigte André Libischer, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Bamberg. Sollte sie nach der Stellungnahme des Betroffenen eine Befangenheit erkennen, müsste ein Kollege den Prozess neu aufrollen.

Auf jeden Fall wird einige Zeit ins Land gehen. Denn der Hauptangeklagte ist seit einigen Tagen als Koch auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Mittelmeer unterwegs - für beinahe fünf Monate. Der Vorschlag Richter Fahrs, der Angeklagte könne doch zwischendurch zum Prozess mit dem Hubschrauber einfliegen, sorgte jedenfalls für Kopfschütteln bei dessen Verteidiger Philipp Schulz-Merkel aus Nürnberg: "Das kostet den Steuerzahler mehrere Zehntausend Euro."