Weiße Strände und üppige Urwälder - so kennen die meisten Urlauber die Philippinen. Doch die Realität für die rund 98 Millionen Einwohner sieht wenig idyllisch aus: Ein Viertel der Menschen lebt unter der Armutsgrenze, regelmäßig verwüsten Taifune das Land und die Städte drohen überzuquellen. Korruption, Gewaltverbrechen, Menschenhandel und Prostitution sind an der Tagesordnung. Jährlich verlassen etwa eine Million Filipinos ihr Land auf der verzweifelten Suche nach Arbeit.
Über 80 Prozent der Bevölkerung gehören der katholischen Kirche an, die auf den Philippinen in ihrem Einsatz für Frieden, Umweltschutz und die Rechte der indigenen Bevölkerung einen hohen Stellenwert genießt. Etwa fünf Prozent sind Moro, wie die philippinischen Muslime genannt werden. Sie fordern eine selbstverwaltete Region auf Mindanao, der zweitgrößten Insel des Landes. Der Kampf zwischen muslimischen Rebellen und Regierungstruppen hat in den vergangenen 45 Jahren über 200 000 Tote gefordert.
Darüber berichtete Kardinal Orlando Quevedo, Erzbischof von Cotabato auf Mindanao, vor rund hundert Interessierten im Bistumshaus St. Otto, darunter Erzbischof Ludwig Schick, Weihbischof Herwig Gössl und Generalvikar Georg Kestel. Der Abend diente zur Vorbereitung des Sonntags der Weltmission am 23. Oktober, die größte Solidaritätsaktion der katholischen Kirche seit 90 Jahren in allen Pfarrgemeinden weltweit. Das Internationale Katholische Missionswerk missio (München) und das Referat Weltkirche des Erzbischöflichen Ordinariats Bamberg hatten den Kardinal eingeladen.

Herr Kardinal, mit Ihrem Einsatz für die Muslime auf Mindanao, die Ihrer Meinung nach eine eigene, selbstverwaltete Region bekommen sollen, gehören Sie in Ihrer Heimat zu einer Minderheit. Was treibt Sie um?
Kardinal Quevedo: Der Herr hat mir diese Mission in einer religiös pluralen Gesellschaft gegeben. Meine Aufgabe als Bischof ist es, die christliche Bevölkerung aufzuklären, Vorurteile zwischen Christen und Muslime zu beseitigen und ein friedliches Miteinander zu fördern. Wir müssen verstehen, dass es den Moro nicht um einen religiösen Konflikt geht, sondern darum, ihre achthundert Jahre alten kulturellen Wurzeln auf den Philippinen zu bewahren. Das Christentum kam erst im 16. Jahrhundert mit der spanischen Kolonialmacht auf die Inselgruppe.

Wie führen Sie den interreligiösen Dialog im Bereich Ihres Erzbistums, in dem fast 50 Prozent der Bewohner Muslime sind?
Für diesen interreligiösen Dialog gibt es drei Stufen. Die erste ist der Dialog des alltäglichen Lebens, das heißt Christen und Muslime leben als Nachbarn und begegnen sich mit Respekt vor dem Glauben und der Kultur des anderen. Die zweite Stufe ist der Dialog des theologischen Erlebnisses. Die religiösen Führer besprechen untereinander Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Glauben, lernen die Lehre des anderen kennen und vermeiden es, einander zu bekehren. Die dritte Stufe ist der Dialog des Handelns. Christen und Muslime reagieren gemeinsam auf soziale Probleme, auf Umweltkatastrophen durch den Klimawandel und arbeiten zusammen für das Allgemeinwohl.

Herr Erzbischof Schick, ist dieser philippinische interreligiöse Dialog auf Deutschland übertragbar?
Erzbischof Ludwig Schick: Die drei Stufen sind die Basis für den Dialog auch bei uns. Damit stehen wir erst am Anfang, aber es geschieht schon einiges in dieser Hinsicht. Der interreligiöse Dialog wird jedenfalls hierzulande immer dringlicher. Da können wir von den Philippinen lernen.

Die Fragen stellte Marion Krüger-Hundrup.