Der Big Ben läutet eine Stunde vor dem Jahreswechsel. Ein Test, damit die Glocken Schlag Mitternacht tatsächlich erklingen, heißt es offiziell. Doch für die wenigen Brexit-Hardliner, die es in der Silvesternacht zu einer Art Feierstunde zum Londoner Wahrzeichen zieht, ist es der sinnbildliche Knall, mit dem das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union austritt.

So berichtet es am Neujahrstag der Spiegel. Der Brexit ist nun offiziell. Angesichts der weltweiten Pandemie ist der historische Moment in den Hintergrund gerückt, ja, fast in Vergessenheit geraten. Doch die Folgen dieses politischen Bruchs internationalen Ausmaßes werden in den kommenden Monaten auf die ein oder andere Art spürbar. "Das schlimmste Szenario wurde glücklicherweise verhindert." Jens Korn ist ein Stück weit erleichtert. Auf den letzten Metern haben die Briten und die Europäische Union ein Handelsabkommen erzielt. Der Bürgermeister von Wallenfels ist Vorsitzender des Fördervereins der Städtepartnerschaft, die seine Stadt seit nunmehr 36 Jahren mit Bingham (unweit von Nottingham) verbindet.

Das Bierfest, das die Wallenfelser bei Besuchen gemeinsam mit ihren englischen Freunden feiern, hat mittlerweile Tradition. Die wichtigste Zutat ist natürlich das Bier, dass die Wallenfelser aus der Heimat mitbringen. Zwar werden dank des Handelsabkommens keine Zölle erhoben, die Einfuhr von Waren wird dennoch komplizierter (siehe Info-Kasten). Jens Korn nimmt es mit Humor. "Inzwischen gibt es deutsches Bier auch in Nottingham. Vielleicht greifen wir künftig darauf zurück."

Für Rob Smith war der Brexit kein Grund, die Korken knallen zu lassen. Und auch das hat unter anderem mit Bier zu tun. Der Engländer lebt seit 14 Jahren in Wallenfels und hat sich gerade erst mit seiner Brauerei selbstständig gemacht. Neben deutschen Sorten greift er für sein "Meisterdieb" auf englische Spezialhefe zurück. Und diese muss, zu Ehren Robin Hoods, nun mal aus Nottingham importiert werden. Die zusätzliche Bürokratie macht die Einfuhr der Spezialzutat nicht einfacher.

Eine Entscheidung rückwärts

So ulkig die Sache mit dem Bier klingt, so ernst wird Rob Smith, als er sagt: "Der Brexit ist der größte Rückschritt meines Landes, an den ich mich erinnern kann." Der denkbar knappe Ausgang der Abstimmung - 51,9 Prozent der Briten haben dafür gestimmt, die EU zu verlassen - hat aus Sicht des 32-Jährigen auf Lügen basiert, die das politische Leave-Lager verbreitet hat. "Den Briten wurde unter anderem erzählt, dass Hunderte Millionen Pfund in die EU gepumpt werden und diese Gelder künftig in das eigene Gesundheitssystem investiert werden." Tatsächlich würde der Brexit die ohnehin schon prekäre Lage im Gesundheitswesen nur verschärfen.

Rob Smith war schon zu Schulzeiten politisch informiert und hat sich nach einem Praktikum beim Wallenfelser Bauamt dazu entschlossen, seiner Heimat den Rücken zu kehren. "Ich habe die Denkweise vieler meiner Landsleute damals schon kritisch gesehen." Damals hat er mit seinem ersten Lohnzettel eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt. Nun will Rob Smith, der "Kronicher" Dialekt spricht, die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. "Ich bin überzeugter Europäer!" Doch der Bierbrauer befürchtet, dass der Brexit vor allem bei jungen Leuten die Skepsis zur EU begünstigt - eine Entwicklung, die ihm Sorge bereitet.

In seiner alten Heimat herrscht am Neujahrstag ebenfalls Katerstimmung. "Ich war dagegen, dass wir die EU verlassen und sehr traurig, dass das Volk so entschieden hat", meldet sich Nathan Bray aus der Wallenfelser Partnerstadt Bingham. Der Brexit werde vieles verkomplizieren, ist er sich sicher. "Es wird für mich schwieriger und teurer, künftig in der EU zu arbeiten, weil ich nun ein Visum benötige." Der Berufsmusiker setzt sich seit Jahren für die Partnerschaft zwischen Bingham und Wallenfels ein und glaubt nicht, dass der Austritt Auswirkungen auf die Freundschaft der beiden Städte hat. Dazu sei das Band, dass über viele Jahre geknüpft wurde, zu eng. In seinem Heimatland hingegen habe der EU-Austritt die Menschen in zwei Lager gespalten. "Es ist schwer, über dieses Thema zu diskutieren, weil die Menschen eine sehr klare Meinung haben - entweder in die eine oder die andere Richtung."

Auf lange Sicht wird dem englischen Königreich ein großes Stück Internationalität verloren gehen, befürchtet auch der Wallenfelser Bürgermeister. Wer künftig auf der Insel studieren will, kann das nicht mehr als Erasmus-Student tun, für den günstige Gebühren gelten. "Studieren in England ist sehr teuer, weshalb es wohl auch weniger junge Menschen aus der EU machen werden."

Eine Frage der Mentalität

Dass sich die Briten für den Austritt entschieden haben, hat Jens Korn nicht wirklich überrascht, wenngleich er es bedauert. Immerhin seien die Engländer, begründet durch ihre geografische Lage und ihre Geschichte des alten British Empires, nie wirklich warm mit der EU geworden. "Vielleicht hat die Mentalität - vor allem die Tories sind sehr konservativ - einfach nicht zusammengepasst." Einige seiner englischen Freunde hätten sich sogar für den Brexit entschuldigt. "Das brauchen sie aber nicht. Unsere Freunde haben uns immer mit offenen Armen empfangen." Das werden sie auch weiterhin, ist sich Jens Korn sicher. "Unsere Partnerschaft ist wichtiger denn je." Darum wollen sie an lieb gewonnen Traditionen wie dem Bierfest festhalten und diese ausweiten. Vielleicht gibt es nach der Pandemie einen deutschen Weihnachtsmarkt in Bingham?

Wichtig sei es gerade jetzt, die Menschen im übertragenen Sinne an einen Tisch zu bringen - egal ob mit Glühwein oder doch mit Bier.