Stefan Carl steht inmitten Hunderter Hühner. Es ist das Gelände für die Freilandhaltung seines Betriebes bei Lohhof. Wenn er an die Vogelgrippe denkt, dann ist es dieser Betriebsteil, der ihm besondere Sorgen macht. "Am besten wäre es, wenn wir die Tiere über den Winter alle im Stall lassen würden", sagt er. Doch er weiß: Der Verbraucher verlangt nach Eiern aus Freilandhaltung und nach Bio-Eiern.

Noch ist die Vogelgrippe weit entfernt, die oft als "Geflügelpest" bezeichnet wird. "Das ist einfach falsch, Pest ist ein Bakterium. Wir haben es aber mit einem Virus zu tun", stellt Stefan Carl klar. So oder so ist die Krankheit eine Bedrohung für alle Geflügelhalter in der Region und ganz Deutschland. "Die Gefahr kommt mit dem Vogelzug", weiß Stefan Carl.

Problem des Vogelzuges

Vögel, die im Winter von Norden nach Süden ziehen und sich infiziert haben, können die Krankheit schnell über Hunderte Kilometer weiter tragen. "Vor allem in der Nähe von Gewässern, wo sie Rast einlegen, ist das Risiko groß", sagt Stefan Carl. Gerade bei Hühnern in Freilandhaltung oder auf Bio-Betrieben kann ein Kontakt mit frei lebenden Vögeln eben nie ausgeschlossen werden. Die lassen sich gern mal auf der Freifläche nieder, weil sie hoffen dort Futter zu finden. "Deswegen dürfen die Hühner im Freiland auf keinen Fall gefüttert werden, sonst werden Wildvögel ja noch angelockt", betont Stefan Carl.

Im Norden schon Stallpflicht

Nach ersten Funden von toten Vögeln, die mit dem Vogelgrippe Erreger infiziert waren, sind in weiten Teilen von Mecklenburg Vorpommern, Schleswig Holstein und Niedersachsen die Hühner schon aus dem Freiland verschwunden. Dort wurde Stallpflicht angeordnet. So soll die Krankheit aufgehalten werden. Für Stefan Carl eine gewisse Wettbewerbsverzerrung für seine Kollegen im Norden. Immerhin liegt einer der Schwerpunkte der deutschen Eierproduktion neben Nordrhein-Westfalen in Niedersachsen. Fairer und vor allem sicherer fände er es, wenn bundesweit die Hühner für die kommenden Monate im Stall bleiben müssten. Da spielt auch die Erinnerung hinein an frühere Wellen der Vogelgrippe. Etwa an das Jahr 2003 als in den Niederlanden der H7N7 Virus grassiert. In der Hochphase der Epidemie wurden auf behördliche Anordnung 750 000 Tiere getötet - täglich, auch die Tiere von Hobbyzüchtern. Am Ende war ein Drittel des Gesamtbestandes der Niederlande gekeult. H7N7 schaffte in einigen Fällen auch den Sprung auf den Menschen. Aktuell geht es um die Variante H5N8. Für diesen Erreger ist bisher kein Fall bekannt, in dem ein Mensch infiziert wurde.

Vernichtung auch ohne Fall

Die Krankheit muss den Hof von Stefan Carl nicht erreichen. Es genügt, wenn ein Betrieb in der Nähe betroffen ist. "Wenn es einen Fall gibt, dann wird eine Sperrzone von drei Kilometern angeordnet, in der alle Tiere getötet werden", weiß er. In der Region gibt es einige kleinere Betriebe und Hobbyhühnerhaltungen.

Erwischt es einen, sind alle Nachbarn mit in Gefahr. Für Stefan Carl könnte das bedeuten, dass seine Hühner gekeult werden. Für die Tiere, sagt er, bekäme er wohl finanzielle Entschädigung. Doch so viele Hühner lassen sich nicht über Nacht ersetzen. Auf dem Schaden durch den Produktionsausfall würde er wohl sitzen bleiben. Für seinen Betrieb mit rund 20 Mitarbeitern würde sich dann schnell die Existenzfrage stellen.

Risiko hoch eingestuft

In Deutschland sind nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) für Tiergesundheit seit 30. Oktober mehr als 200 Vogelgrippefälle bei Wildvögeln und neun Ausbrüche bei Hausgeflügel vorwiegend in den Küstenregionen aufgetreten. Im schleswig-holsteinischen Wattenmeer wird weiterhin ein hohes Aufkommen an toten Wasservögeln beobachtet. Außerdem meldeten nach Angaben des Instituts das Vereinigte Königreich, die Niederlande, Korsika, Dänemark und Irland Wildvogelfälle oder Ausbrüche in Nutzgeflügelbeständen mit der Krankheit. Das Risiko der Ausbreitung in Wasservogelpopulationen und des Eintrags in deutsche Nutzgeflügelhaltungen und Vogelbestände in zoologischen Einrichtungen wird vom FLI als hoch eingestuft.