Missbrauch im Livestream

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Strafverteidiger Reinhard Kotz aus Nürnberg. Udo Güldner
Strafverteidiger Reinhard Kotz aus Nürnberg. Udo Güldner

Ein 54-Jähriger ist wegen der sexuellen Ausbeutung eines philippinischen Mädchens angeklagt

Was wurde aus dem kleinen Mädchen von den Philippinen, das über Live-Stream sexuell missbraucht worden ist? Hatte der 54-jährige angeklagte Mann aus Großenseebach noch andere – viel jüngere – Kinder im Visier? Und muss er wegen seiner pädophilen Veranlagung befürchten, für immer hinter Gittern zu landen?

Das sind einige der Fragen, die am dritten und vorletzten Verhandlungstag am Landgericht Nürnberg/Fürth diskutiert wurden.

Über drei Jahre hinweg hatte der Mann aus Franken das anfangs acht Jahre alte Kind missbraucht. Er schrieb seiner Komplizin genau, was zu tun sei. Meist hat er das von daheim aus getan, aber auch von seinem Arbeitsplatz aus, teilweise sogar während dienstlicher Besprechungen.

Und in Angels City, einer Großstadt auf den Philippinen, führte die Frau - die Mutter des Mädchens - seine pornografischen Anweisungen aus. Offensichtlich ohne große Skrupel – aber mit Gegenständen und filmte das mit einem Smartphone. Meistens war es jedenfalls so. Manchmal hat man dort auch einfach sein Geld genommen und schickte dem 54-Jährigen nur ein Fake-Video, auf denen dann nicht viel zu sehen war.

Als eine Hilfsorganisation auf das traurige Schicksal des Mädchens aufmerksam wird, ging plötzlich alles ganz schnell.

Ihre Mutter, die Vor-Ort-Komplizin des Mannes , wurde verhaftet. Das Mädchen brach daraufhin die Verbindung zu ihrer Mutter ab und kam für vier Jahre in ein Jugendheim. Danach nahm sich eine Tante ihrer an.

Das Mädchen lebt nun in ihrer eigenen Wohnung, geht auf eine High School und will später sogar studieren. Dabei könnte das Schmerzensgeld aus Franken helfen.

Durch eine DNA-Untersuchung stellt sich heraus, dass sie die Tochter eines australischen Sextouristen ist. Der Vater will mit ihr jedoch nichts zu tun haben. Gegen ihn wird derzeit wegen des nicht gezahlten Kindesunterhaltes ermittelt. Ein Gutes hat die Sache mit dem festgestellten Vater aber doch: Das Mädchen erhält die australische Staatsbürgerschaft und könnte dorthin umziehen.

Mit einer kurzen Videobotschaft meldet sie sich bei der Zweiten Strafkammer. Darin sagt sie in Richtung des Angeklagten: „Ich hoffe, du wirst es niemandem anderen mehr antun.“

Vielleicht ist das aber nur ein frommer Wunsch. Denn nachdem die Geschichte mit dem Mädchen zu Ende gegangen war, und der Mann noch nicht in Untersuchungshaft saß, suchte er nach einem neuen menschlichen „Spielzeug“. Das zeigen gefundene Chat-Nachrichten. Sein Augenmerk liegt dabei auf mindestens sieben Mädchen im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren.

Der Kontakt kam, das erklärt der Angeklagte während des Prozesses, über eine bei Pädophilen beliebte Datingapp, auf der man nur das Schlüsselwort „Open Minded“ nennen müsse, und schon bekomme man entsprechende Angebote.

Diesmal aber kam er nicht weit. Er geriet an gleich mehrere Betrüger, die es nur auf sein Geld abgesehen hatten.

Sie hatten nie vor, ihm kinderpornografisches Material zu senden. Oder sie hatten ihm nur „Konserven“ zu bieten. Der Mann aber will neue Fotos und Videos, die am besten nach seinen Regieanweisungen entstehen sollten.

Erschreckend sind die Funde, die Spezialisten eines IT-Dienstleisters aus München auf den Geräten und Datenträgern des Mannes zutage gefördert hat. Es gibt eine über Jahre hinweg penibel geführte Buchhaltung, in der die Ausgaben für den Sportwagen, „andere Nutten“ und Sex-Ausflüge zu einer erwachsenen Frau nach Thailand aufgelistet sind.

Für den virtuellen Kindesmissbrauch mit dem Mädchen auf den Philippinen gibt es sogar ein eigenes Budget. Es finden sich dort widerwärtige Anmerkungen entlang der Summen, in denen auch vom Sex eines Kindes mit einem Hund oder einem Pferd die Rede ist.

Seine von Gewalt geprägten Fantasien gehen so weit, dass er schreibt, er sei bereit, 300 Euro täglich zu zahlen, wenn ihm das Mädchen zu Willen sei. Damit meint er, nicht virtuell, sondern in der Realität bei einem Besuch in Südostasien.

An anderer Stelle findet sich der auf die noch vorhandenen Haushaltsmittel gemünzte Satz: „Zwei Wochen Sex-Urlaub sind noch ‘drin“. Und dann sind da noch zwei verstörende Chats, in denen der Mann das Mädchen damals einem Briten und einem US-Amerikaner anbietet. Man tauschte nicht nur sexuelle Wünsche aus, sondern auch finanzielle Vorstellungen.

Mittelschwere Pädophilie

Der psychiatrische Sachverständige Hans-Peter Volz aus Würzburg attestiert dem Mann eine mittelschwere Pädophilie. Er habe eine Vielzahl an Taten nach immer demselben Muster begangen – und das über einen langen Zeitraum hinweg. „Er hat immer etwas mehr verlangt“.

Das Opfer sei ein vorpubertäres Mädchen gewesen. Es gehe dem angeklagten nur um die Erfüllung sexueller Bedürfnisse. Das zeige sich auch an den mehr als 11.000 gesammelten kinderpornografischen Dateien.

Allerdings gebe es auch Sexualkontakte zu erwachsenen Frauen, seien es Prostituierte oder eine Fernbeziehung in Bangkok. Und nach allem, was man wisse, habe der Mann es nicht gewagt, selbst ein Kind anzufassen. „Da scheint er noch Hemmungen zu haben“.

Mit Spannung werden nun die Plädoyers und das Urteil erwartet, das am kommenden Montag fallen soll. Dann wird sich zeigen, ob der Mann „nur“ viele Jahre hinter Gittern landet, oder ob das Gericht eine Sicherungsverwahrung anordnet. Diese Maßregel zum Schutz künftiger Opfer könnte bedeuten, dass der Mann lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen wird.