Seit längerem schon merkt Ingrid W. (Name von der Redaktion geändert), dass etwas nicht stimmt. Beim geringsten Anlass braust sie auf, hat undefinierte Ängste, ist müde und antriebslos. Sogar mit Selbstmordgedanken hat sie sich schon gequält. Klassische Symptome einer Depression. Doch an wen soll sie sich wenden?

Zuhören und beruhigen

"Eine solche Patientin ist gut damit beraten, den Krisendienst Oberfranken zu kontaktieren", sagt Katrin Strohhöfer, Leiterin der Leitstelle mit Sitz in Bayreuth. "Wenn ein Mensch wie Ingrid W. bei uns anruft, führen wir zunächst ein entlastendes Gespräch", erklärt sie. Oft gehe es den Anrufenden danach schon etwas besser, aber manchmal sei das Problem auch ernster. "Dann versuchen wir, Menschen in Panikzuständen zu beruhigen, das kann durch Atemübungen geschehen oder schon dadurch, die eigene Stimme zu verändern, die Gesprächsebene zu wechseln." Es gelte auch festzustellen, ob eine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliege.

In solchen schweren Fällen komme dann auch der mobile Dienst des neu eingerichteten Krisendienstes Oberfranken zum Einsatz. "Wir arbeiten hier eng mit den Sozialpsychologischen Diensten zusammen", erklärt Katrin Strohhöfer. Diese würden die Tagesdienste zwischen 9 und 17 Uhr abdecken, der Krisendienst zusätzlich die Zeit bis 24 Uhr. Voraussichtlich ab Juli werde der Dienst rund um die Uhr erreichbar sein. An die Sozialpsychologischen Dienste würden sich häufig auch Angehörige von Menschen in einer Krisensituation wenden. "Oder es rufen Menschen an, die schon lange Probleme haben und keine Facharzttermine oder Therapieplätze bekommen", sagt Inge Däubler-Politz vom Sozialpsychologischen Dienst Bayreuth/Kulmbach. Sie sieht den Krisendienst Oberfranken als gute Ergänzung.

Sie sei glücklich darüber, dass die Einrichtung der Krisendienste jetzt gesetzlich verankert sei. "Bei uns kann jeder niederschwellig ohne ärztliche Überweisung eine Beratung in der Krise bekommen." Die Beratung sei dabei kostenfrei und werde über den Bezirk Oberfranken finanziert.

15 bis 20 Anrufe täglich

Viele Menschen haben den Krisendienst Oberfranken seit dessen Einrichtung im Januar 2021 schon genutzt. Katrin Strohhöfer ist überrascht über den Zulauf. Täglich kämen im Durchschnitt zwischen 15 und 20 Anrufe. Manches Gespräch dauert 15 Minuten, manches eineinhalb Stunden. "Es gibt Menschen, mit denen wir zwei bis drei Mal telefonieren, es gibt Menschen, die immer dann anrufen, wenn sie in einer Krise sind, um sich wieder zu fangen."

Die Hintergründe, weshalb Menschen in Krisen geraten, seien unterschiedlich: finanzielle Probleme, Zukunftsängste, Angehörige, die nicht mehr weiter wissen. Die aktuell acht Fachkräfte des Krisendienstes, die sich aus Psychologen, Sozialpädagogen oder Fachkräften der psychiatrischen Krankenpflege zusammensetzen, versuchen mit den Anrufern Wege aus der Krise zu finden. Das kann neben dem Gespräch die Vermittlung eines Therapieplatzes, der Verweis auf eine Selbsthilfegruppe oder auch schlicht das Nennen von Adressen umfassen. "Wir sind auch eine Art Auffangbecken für Menschen, die anderweitig keine schnelle Hilfe bekommen können", etwa weil die Fachärzte überlastet seien. Zwar beträgt der Versorgungsgrad im Bereich der Psychotherapeuten im Landkreis Kulmbach 117,7 Prozent und habe damit laut Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) die Anforderung des Gesetzgebers in Bezug auf eine ausreichende ambulante Versorgung rein formal erfüllt. Allerdings sage diese Zielgröße nichts über Wartezeiten bei Therapieplätzen aus - und die können in Kulmbach lang sein. Manche Therapeuten bieten gar keine Plätze mehr an.

Es gibt zu wenig Therapieplätze

"Wir wissen aus Gesprächen vor Ort mit Mitgliedern, dass es in einigen Teilen Oberfrankens durchaus schwer ist, einen Therapieplatz zu finden", vermeldet die KVB und verweist auf die Terminservicestelle TSS der KVB (Telefonnummer 116117) wie auch auf die Koordinationsstelle Psychotherapie der KVB (Telefonnummer 0921 88099-40410). "Sie können Patientinnen und Patienten aktiv helfen, einen geeigneten Psychotherapeuten zu finden."

Diplompsychologe Thomas Fritsch aus Kulmbach sieht in Zukunft sogar einen noch größeren Bedarf an Therapieplätzen als bisher. "Wenn man davon ausgeht, dass man für eine Therapie- oder Beratungssitzung mindestens 50 Minuten veranschlagen muss, sind die Praxen natürlich ruckzuck voll." Die Entwicklungen in unserer Gesellschaft ("immer höher, schneller und weiter") würden dazu führen, dass "noch mehr Leute die Grätsche machen". Ein größeres Angebot an Therapeuten würde daher Sinn machen.

Akute Notfälle haben Vorrang

Er erkenne die Problematik und bemühe sich, die Wartezeiten in seiner Praxis so kurz wie möglich zu halten, aber auch er müsse abwägen. "Wenn eine Mutter kommt, deren Kind überfahren wurde, ist das ein Notfall, und sie kommt sofort dran." Wenn allerdings eine psychische Erkrankung schon jahrelang "verwaltet" werde, sei es vertretbar, erst in einem halben Jahr mit einer Therapie anfangen zu können. Eine Psychotherapie sei auch keine Notfallbehandlung, oft seien viele Stunden nötig, um tief liegende Probleme aufzuarbeiten.