Mit ihren 90 Jahren ist Hildegard Hertrich, geborene Kreuschmer, geistig fit, erledigt ihre Arbeiten in der Wohnung alleine, ist aber dankbar, dass sie in ihrem hohen Alter von ihrer Tochter Rosemarie Kintzel liebevoll umsorgt wird.

Geboren ist die Jubilarin im schlesischen Nieder-Buchwald, Kreis Sprottau. Am 22. März 1944 fand Hildegard Hertrich im Alter von 13 Jahren mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern nach der Flucht in Altenreuth - heute einem Stadtteil von Kulmbach - ein vorübergehendes Zuhause. "Ich war die Zweitälteste unter uns Geschwistern und damit wir unsere Mutter etwas entlastet haben, bin ich bei einem Bauern arbeiten gegangen, um etwas für den Lebensunterhalt zu verdienen," erzählt Hertrich.

Kurze Zeit später feierte sie in der Kirche von Veitlahm ihre Konfirmation, aber an eine berufliche Ausbildung war damals nicht zu denken. Hertrich versuchte ihr Glück in einer Anstellung im Haushalt. 1950 wurde geheiratet, Tochter Rosemarie geboren, doch vier Jahre später war das Familienglück zu Ende und die Ehe wurde geschieden. "Ich wundere mich heute noch, wie sich ein Mensch so verändern kann", sagt sie rückblickend. Danach fand Hertrich in Stuttgart bei Zeiss Ikon eine Arbeit, um den Unterhalt für sich und ihre Tochter zu verdienen. Nach einem Unfall ihrer Mutter kehrte sie nach Altenreuth zurück, fand wieder eine Arbeit im Haushalt und mit 30 Jahren hatte sie noch den Mut, die Führerscheinprüfung abzulegen: "Ich bekam damals in der Stunde nur 98 Pfennig und suchte mir eine Arbeit in einer Näherei in Marienweiher."

Mit der zweiten Eheschließung im Jahr 1962 war der Lebensmittelpunkt in Kulmbach. Hier fand Hertrich in der Kulmbacher Spinnerei eine neue Arbeitsstelle. Sieben Jahre später entschied sich das Ehepaar Hertrich, im Neuenmarkter Ortsteil See ein Haus zu kaufen, in dem sie heute mit ihrer Tochter und deren Ehemann Wilfried sowie der Familie ihres Enkelsohnes Horst Kintzel wohnt.

Für wenige Jahre betrieb Hertrich mit ihrem Ehemann, der 1979 verstarb, noch eine kleine Gastwirtschaft im ehemaligen Schulhaus in See, bevor sie bis zur Rente 16 Jahre einen Getränkemarkt in Kauerndorf leitete. Werner Reißaus