Leserbrief zur Stellungnahme des Vereins "Unser Steigerwald" zur Grünen-Studie (FT vom 25. Januar):

Ein Nationalpark Steigerwald wäre genau das, was wir als Bürger und Politiker nachdrücklich fordern würden, wenn, ja wenn er nur nicht in Bayern läge. Wissenschaftlich gut fundierte Beweise lassen sich leicht finden, dass dieses kleine Laubwaldgebiet im Norden des gleichnamigen Naturparks zu den ökologisch hochwertigsten Flächen in Deutschland zählt. Dies wird auch von keinem Nationalparkgegner geleugnet.

Deutschland ist das Hauptverbreitungsgebiet der Buche, und nur wir können diesen Wald in seiner Vielfältigkeit für die Welt schützen und bewahren. Es sind weit weniger als zehn Prozent in kleinen Restflächen noch zu finden und die ältesten Bäume stehen im Nordsteigerwald noch dicht an dicht mit einem geschlossenen Blätterdach. Dieser herausragende geschlossene Buchenbestand in allen natürlichen Altersstufen wird derzeit mutwillig mit schweren Maschinen weiter und weiter ausgedünnt. Ein Gleichgewicht, das Jahrhunderte brauchte zur Entstehung, kann in wenigen Minuten verloren sein.

Vielleicht wird die Klimaänderung ein solches Wachstum in einem geschundenen Wald nie mehr wieder zulassen. Hier versündigt sich gerade die staatliche Forstwirtschaft an ihrer ureigensten Bestimmung, den reichen natürlichen, ererbten Schatz zu wahren und der nächsten Generation unbeschadet weiterzureichen.

Das Theater, das sich Politik nennt, versucht, den dringend gebotenen wirksamen Schutz mit immer neuen Tricks zu unterwandern und so lang als möglich zeitlich hinauszuzögern. Es ist absurd: Ihre Aufgabe wäre es in der heutigen prekären klimatischen und biologischen Notlage, mit den Bürgern zusammen ein tragbares Zukunftskonzept so schnell als möglich zu entwerfen, zum Beispiel endlich mit der neutralen Machbarkeitsstudie zu beginnen, bevor die Forstarbeiten klar Schiff gemacht haben werden und der Klimastress einen wirksamen Schutz für alle Zeiten unmöglich erscheinen lässt.

Stattdessen wird weiter mächtig Unfrieden geschürt, mit immer neuen Umfragen die Bürger tiefer verunsichert und mit schnellen hervorgezauberten Behauptungen Lösungswege schon vorab madig gemacht.

Was hier passiert, ist nicht etwas, worauf wir in Bayern stolz sein könnten - es blamiert uns vor der ganzen Welt, macht uns unglaubwürdig und ist eine echte Schande für unsere Nachwelt.

Viele bettelarme Länder, zum Teil mit viel höherer Bevölkerungsdichte , auf allen Kontinenten errichten Großschutzgebiete, nicht zum Spaß, sondern weil Großschutzgebiete von allen angesehenen Wissenschaftlern unbestritten und längst bewiesen als ein sehr wirksames Element zum Schutz der biologischen Vielfalt beitragen. Solche Naturgesetzlichkeiten gelten auch in Bayern.

Naturjuwelen

Es ist eine Schande, wenn unsere reiches Bayern seine eigenen Naturjuwelen vor die Säue wirft und wir Bürger mit viel Geld intakte Natur in der weiten Welt suchen müssen.

Ich bin Bürger eines Dorfes am Saum der alten Buchenwälder des nördlichen Steigerwaldes und bin froh, noch einen Wald bewandern zu können, in dem knorrige Bäume und tiefe, kalte und nasse Schluchten ihre tiefsten Geheimnisse wie in den vielen Jahrhunderten zuvor in den Wind raunen. Diese Stille erzählt mir von frommen und weltabgeschiedenen Mönchen, die den Wald seit undenklich langer Zeit vor Besiedlung schützten, und von hochheiligen Jagdherren, die keine Eingriffe duldeten, und sie erzählt von vielen Krankheiten und Hungersnöten, die den Wald einsam und still zurückließen. Die himmeltragenden Bäume, sie stehen wie die Pfeiler eines mächtigen Walddoms und zeugen von mutigen Förstern im Kampf gegen Obrigkeiten und Behörden, denen sie ihr Überleben bis auf den heutigen Tag verdanken, zum Beispiel dem Förster Georg Sperber . Ein alter Wald braucht viele Menschenalter, um zu entstehen, und es genügt eine einzige Fehlentscheidung, um ihn für immer zu verlieren.

Manchmal höre ich aus dem Wald klagende und seufzende Laute. Der dahinsiechende, selbstlose Riese liegt dann im Dreck neben den Fahrspuren und wartet darauf, als Furnier, Feuerholz oder Klopapier zu enden - sterbendes Leben, das älter ist als unsere Demokratie, als das Märchenschloss König Ludwigs oder als das Kapitol in Amerika. Niemand würde es wagen, gleichaltrige Kultstätten ein paar lumpiger Steine wegen einzureißen.

Robert Atzmüller, Sand