Auf Personalsuche hat sich der Gerüstbauer Bertram Reußenzehn aus Goßmannsdorf begeben. Und er verzweifelte fast. Dann kam ihm eine Idee. Mittlerweile erhält der Unternehmer im Hofheimer Stadtteil viel Zustimmung für ein originelles Stellenangebot.

Die Auftragsbücher von Gerüstbauer Bertram Reußenzehn aus Goßmannsdorf sind voll. Das Geschäft brummt. Er würde gerne expandieren. Doch dafür braucht er Personal . Aber das zu finden, werde immer schwieriger, beschrieb der 59-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion.

Über die Internetplattform Facebook sucht er einen Gerüstbauer oder einen Helfer. Die Anforderungen hält er bewusst niedrig: "Wir suchen ab sofort einen Gerüstbauer m/w/d (das muss man so schreiben) zur Aushilfe oder Festeinstellung! Du hast einen Führerschein und kannst mit einem Anhänger mehr als zwei Meter rückwärts fahren? Du bist nicht komplett verpeilt? Du bist in der Lage, dich selbst im Supermarkt mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen? Du kannst dich mit deinem Chef auseinandersetzen, ohne deine Mama einzuschalten? Du brauchst in den nächsten fünf Wochen kein Urlaubssemester, weil du erst mal zu dir selbst finden musst? Du kannst die Uhr lesen? Du musst nicht alle drei Minuten eine WhatsApp schreiben oder Facebook checken? Du beherrschst die Grundrechenarten? Du kannst dich in deutscher Sprache verständigen? Du kannst dir vorstellen, mindestens fünfmal pro Woche zu arbeiten, ohne gleich an Burnout zu erkranken oder eine Kur beantragen zu müssen? Dann bewirb dich bei uns!", lautet das Stellenangebot, für das er bereits viel Zustimmung im Internet und telefonisch erhalten hat.

Geeignetes Personal zu finden sei ein langwieriges Problem, sagt Reußenzehn. Die Probleme würden nicht automatisch aufhören, wenn eine Arbeitskraft gefunden ist. Als Beispiel nennt der 59-Jährige einen 19-jährigen, talentierten jungen Mann, den er fest einstellte. "Stark wie ein Bär" sei er gewesen, meint Reußenzehn. Nach vier Wochen sei die Krankmeldung gekommen wegen Rückenschmerzen , obwohl er in dieser Zeit hauptsächlich leichtere Arbeiten im Lager verrichtet hatte. Bis heute sei er krankgeschrieben. Dies sei in der Vergangenheit mit anderen Arbeitern bereits öfters vorgekommen, schildert er.

Die mentale Einstellung sei noch das größere Problem als mangelnde körperliche Kraft. Die Respektlosigkeit, die heute viele unter 30-Jährige an den Tag legen, sei dramatisch. "Wenn man sie rüffelt, ruft die Mama gleich an", klagt Bertram Reußenzehn.

Viele hätten auch ein Problem damit, acht Stunden zu arbeiten. Die Frustrationsgrenze sei bei vielen jungen Leuten extrem niedrig. Drei bis vier Stunden mal "durchknüppeln" sei kaum möglich. Früher sei es besser gewesen, so der Unternehmer ..

Zu Beginn seiner Selbstständigkeit im Jahr 1993 habe er Bewerbungen "ohne Ende" gehabt. Die Leute seien willig und auch fähig gewesen. Die damalige Arbeitsmoral vermisst der Handwerker heute, beispielsweise dass einer das tut, was ihm aufgetragen wird - und zwar ohne Widerwort.

Immerhin hatte Reußenzehn mit seiner Anzeige Erfolg . Er hat einen 27-Jährigen in Teilzeit eingestellt, der zu seiner Zufriedenheit arbeitet - und noch nicht gekündigt hat. Die Arbeit als Gerüstbauer verrichtet der 27-Jährige neben seinem Job als Schichtarbeiter. "Davor habe ich Respekt", meint Bertram Reußenzehn anerkennend.