Rudolf Görtler

Aus Österreich hört man in den letzten Monaten eher Ungutes. Vergessen sollte man aber allem FPÖ- und Hofer-Wirrwarr zum Trotz nicht, welch einzigartigen Beitrag dieses Land bzw. die K.-u.-K.-Monarchie zur deutschsprachigen Literatur geleistet hat. Von österreichischer Lebenskunst, Musik und Wiener Schmäh ganz zu schweigen.
Eben diese Dreifaltigkeit war in der Buchhandlung Collibri zu genießen und noch viel mehr. Katharina Brenner, in der zweiten Spielzeit im Ensemble des E.T.A.-Hoffmann-Theaters wirkend, hat sich schon eine Menge Fans erarbeitet, was die mit Zuhörern prall gefüllte Buchhandlung bewies. Es waren nicht nur Österreicher im Bamberger Exil, die dem Ruf ihres "Clubs Austria" gefolgt waren. Dessen Sprecher Wolfgang Grader hatte zu "Wiener Lesung und Wiener Musik" eingeladen, und beides wurde reichlich geboten.
Das heißt: Katharina Brenner wurzelt eher in Tirol, und die Drei vom "Ensemble Ringelspiel" in Franken. Doch der Österreicher an sich sieht die Dinge locker ("lax"), und der Bamberger sowieso. Geboten wurden zwei literarische Schmankerln (sagt man so in Wien?): zum einen die Briefe der Wiener Hausmeisterin Leopoldine Kolecek, die 1978 in einer Schottergrube nahe Braunau am Inn gefunden worden waren. Der Schriftsteller Manfred Chobot edierte die Fundstücke; der große Alfred Hrdlicka illustrierte das Büchlein, fertig war die alltagshistorisch aussagekräftige Trouvaille.
Brenner kontrastierte die Auslassungen dieser einfachen Frau mit Hochliteratur: In Hermann Brochs Roman "Die Schuldlosen" ist die Geschichte der Magd Zerline enthalten; ein geniales Stück - kaum zu glauben, dass ein bürgerlicher Mann sich so in die Psyche einer Frau "von unten" einfühlen konnte. Geschildert wird der Triumph eines Dienstmädchens, das mit der Schläue des einfachen Volks gegen seine Herrschaft intrigiert und dabei urwüchsige Erotik offenbart. Nebenbei wird noch ein Kriminalfall raffiniert konstruiert und aufgeklärt.
Daneben steht die reale Frau aus dem Volk, die Hausmeisterin Leopoldine. In den Briefen an ihren Hausbesitzer offenbart sich ein sozialer Mikrokosmos aus dem Wien von 1955/56, als die Zweite Republik gerade gegründet worden war. Die zunächst harmlos anmutenden Meldungen der Leopoldine zeigen einerseits die materielle Not der kleinen Leute, als jedes Watt Stromverbrauch knapp war, jede Briefmarke und jeder Holzbalken, andererseits die Kleinbürgerhölle im Mehrfamilienhaus, die auch die Hausmeisterin mit notdürftig kaschiertem giftigem Klatsch befeuerte.
Eine Aktrice solchen Kalibers wie Katharina Brenner las naturgemäß nicht nur vor, sie spielte ihre Figuren, den weichen wienerischen Dialekt-Singsang beherrscht sie eh aus dem Effeff. Schon allein das legte den Mutterwitz ihrer beiden Figuren bloß, denn es nistete auch Deprimierendes in den Texten. Doch zumal Broch zeichnete seine Zerline als würdige Nachfolgerin einer klugen Dienerin à la Molières Toinette. So gab es auch was zu lachen.
Den Rest besorgte das Ensemble Ringelspiel mit Violine, Gitarre und G-Klarinette, Wienerlied und Kaffeehausmusik rein instrumental, geschickt alternierend mit den Texten, mal fröhlich hüpfend im Dreivierteltakt, mal melancholisch und sentimental, wie man es der Wiener Mentalität nachsagt. Der Club Austria dürfte ruhig häufiger österreichisches Flair in die Stadt holen. Es lohnt sich.