Als am 2. Dezember 1989 die Grenze zwischen Lindenau und Autenhausen aufgemacht wurde, war Landrat Sebastian Straubel erst sechs Jahre alt und Seßlachs junger Bürgermeister Maximilian Neeb noch gar nicht geboren. Es falle ihm schwer, sich heute vorzustellen, "dass hier, in der Mitte Europas, einmal die Welt zu Ende war", gestand Neeb beim Pressetermin in der Freizeitanlage Autenhausen. Dort wird vom 25. August bis 1. September das internationale Jugendcamp "Grenzenlos" stattfinden.

Für Neebs Vor-Vorgänger Hendrik Dressel war die Grenzöffnung "eine der Sternstunden meines kommunalpolitischen Lebens". Der entscheidende Hinweis, so erzählte der Gemünner, sei damals von einem BGS-Beamten namens Norbert Tessmer gekommen, bekanntlich heute Oberbürgermeister von Coburg. "Erst danach, im 36. Lebensjahr, konnte ich die zweite Hälfte meiner Heimat kennenlernen", betonte Dressel. Noch heute kämen ihm die Tränen, wenn er an die Euphorie von damals denke. Das von ihm initiierte und von der Stadt Seßlach veranstaltete Jugendcamp soll Zehn- bis 20-Jährigen die deutsch-deutsche Teilung und ihre Folgen vor Augen führen.

Stadt und Landkreis Coburg unterstützen das Vorhaben aus dem Kleinprojektefonds der Coburg Stadt und Land aktiv GmbH.

"Dass das Wissen um die leidvolle Geschichte einer deutsch-deutschen Grenze bei jungen Menschen nicht verloren gehen darf, ist leichter gesagt als getan", gab Straubel in Autenhausen allerdings zu. Mit einem ansprechenden Programm möchte Straubels Mitarbeiter Jürgen Forscht "wie mit Speck Mäuse fangen", gerade weil der ehemalige Jugendpfleger weiß, "dass die Jugend nicht so einfach zu bewegen ist". Teilnehmer können etwa Zeitzeugen befragen und das ehemalige Sperrgebiet erkunden, um anschließend mit dem Material einen Film zu drehen und eine Radiosendung zu produzieren. Sportmöglichkeiten wie Kanu fahren, Stand-up-Paddeling, Baden, Bogenschießen auf einem 3D-Parcours, Kickboxen, Wandern und ein Volleyballturnier gehören ebenso zum Programm wie Geocaching, Rudelsingen, Action mit der Feuerwehr, Drohnenfliegen, Open-Air-Kino und Livemusik. Dank der lebendigen und attraktiven Verpackung erwarteten die Teilnehmer "alles andere als trockene Geschichtsstunden", fasste es Dressel zusammen und betonte: "Hier können Geschichte erlebt und Freizeit gelebt werden."

Auch Coburgs Dritter Bürgermeister Thomas Nowak hält die Auseinandersetzung mit der Teilung für immens wichtig: "Gerade jetzt, wo es in Europa leider wieder Kräfte gibt, die versuchen, erneut Grenzen hochzuziehen und die Errungenschaften der 90er Jahre zunichte zu machen." 74 Jahre Frieden seien nur Europa zu verdanken, fügte Nowak hinzu.

Wie viel Leid die deutsch-deutsche Teilung bedeutete, aber auch welch kuriose Geschichten sie lieferte, deuteten die Zeitzeugen an: Der frühere Grenzaufklärer Walter Bauer berichtete einerseits von der Minensuche nach dem Mauerfall. Zu seinen Erinnerungen zählt aber auch, wie in den 70er Jahren US-Agenten immer wieder den NVA-Funkposten auf der Ummerstädter Kühlitze aufsuchten. Sein Pendant auf Westseite, Grenzpolizist Willi Beetz, schilderte, welchen Wirbel drei russische Soldaten 1991 mit ihrem Besuch in einem Coburger Etablissement auslösten. Beide Ex-Grenzschützer werden Wanderungen ins ehemalige Sperrgebiet begleiten. Dort liegen auch der 3D-Bogenschützen-Parcours von Christoph Unger und viele Ziele der Geocaching-Tour, die Stephan Ulrich von der Kommunalen Jugendarbeit (Koja) vorbereitet hat. Per Drohne oder mit der Drehleiter der Seßlacher Feuerwehr kann dazu das heutige Grüne Band von oben betrachtet werden.

Jeder Angemeldete kann sich sein individuelles Programm zusammenstellen. Ob sie für eine komplette Woche oder nur für vier Tage kommen wollen, auch diese Wahl haben die Teilnehmer, nur muss die Anreise bis spätestens Donnerstag (29. August) erfolgen. Von Donnerstag bis Freitag werden dank IHK zu Coburg und HWK sogar Auszubildende für die Teilnahme freigestellt, vorausgesetzt, sie bleiben bis zum Sonntag. Sogar ganze Familien können mitmachen. Das Besondere des Jugend- und Freizeitcamps fasst Straubel so zusammen: "Es ist generationsübergreifend, flexibel und kostenlos - wo hat es das schon einmal gegeben?" Wer neugierig geworden ist, aber selber nicht am Camp teilnehmen möchte oder kann, hat am "Samstag für alle" (31. August) die Möglichkeit, in das Programm reinzuschnuppern (siehe Infokasten). bek