Die Obere Pfarre am Kaulberg präsentiert sich zu Weihnachten bundesweit in einem Live-Stream im Internet. Ab 24. Dezember um 12 Uhr überträgt das Nachrichtenportal Focus Online auf seiner Facebook-Seite 24 Stunden lang Live-Bilder aus der Kirche einschließlich aller Christmetten und Weihnachtsgottesdienste.

Herr Pfarrer, was versprechen Sie sich von dieser 24-Stunden-Aktion ausgerechnet zu Weihnachten?
Pfarrer Matthias Bambynek: Vor allem ist diese Aktion ein niedrigschwelliges Angebot für diejenigen, die, aus welchen Gründen auch immer, den Weg in eine Kirche an Weihnachten nicht gehen können, oder die sich nicht trauen. Womöglich landen manche eher zufällig bei uns. Gerade an Weihnachten sind Suchende auf der Suche, auch im Netz.

Ein Kirchgang ist für viele nicht nur ein Bekenntnis und Zeugnis des Glaubens, sondern auch eine höchst intime, persönliche Angelegenheit. Und so etwas wollen Sie jetzt öffentlich machen?
Unsere Gottesdienste sind grundsätzlich öffentlich und ein Gottesdienstbesuch kann somit zum Bekenntnis werden. Was die Weihnachtsgottesdienste heuer in der Oberen Pfarre betrifft: Weder werden die, die in die Kirche gehen, gefilmt, noch Betende in ihrer Besinnung beobachtet werden. Während der Gottesdienste wird von der Kanzel aus Richtung Altarraum der Live-Stream aufgenommen. Einige Hinterköpfe in diesem Bereich können ins Bild geraten, ebenso diejenigen, die im Mittelgang nach vorn zum Kommunionempfang gehen, und freilich jene, die im Altarraum aktiv sind. Wer sich außerhalb des Bereichs Kanzel - Altarraum aufhält und bewegt, gerät nicht ins Bild.

Wenn nun die ganze Welt Ihre Weihnachtspredigten mithören kann, müssen Sie sich wohl etwas Besonderes zum Fest einfallen lassen. Oder?
Die Predigten in der weihnachtlichen Festzeit sind stets etwas Besonderes. Viele wollen die Gottesdienste mitfeiern, und diese bringen zumeist eine große religiöse Offenheit mit. Unter ihnen sind auch jene, die Sorgen umtreiben, oder die kritische Anfragen an Glauben und Kirche stellen. Auch formal aus der Kirche Ausgetretene sind an Weihnachten mit dabei. Binnenkirchlich bezeichnen wir diese oft als "Fernstehende". An Weihnachten kommen sie womöglich dem kirchlichen Geschehen und der Gemeinde nahe. So gesehen besteht die Herausforderung so oder so. Ich freue mich drauf!

Es gibt in Ihrer Pfarrei auch Skeptiker, die dem Live-Stream nicht vorbehaltlos zustimmen können. Was sagen Sie diesen Menschen, um Bedenken auszuräumen?
In der Tat, neben viel Zuspruch gibt es auch Bedenken. Die Verantwortlichen nehmen diese sehr ernst, das kann ich versichern. Beispielsweise sorgen sich einige, dass die Gottesdienste an Weihnachten durch diese Aktion grundsätzlich gestört werden könnten, oder dass potenzielle Gottesdienstbesucher von einem Besuch der Oberen Pfarre abhalten werden. Und es gibt die Befürchtung, dass Sequenzen des Live-Streams zu einem späteren Zeitpunkt in einem völlig anderen Kontext in unguter Weise wieder verwendet werden könnten. Ich habe gegenüber der Gemeinde die geäußerten Sorgen thematisiert und auch entsprechend reagiert. Zum Beispiel wird die Kinderkrippenfeier am Nachmittag des Heiligen Abends bildlich nicht aufgezeichnet. Grundsätzlich vertrete ich die Überzeugung, dass wir als christliche Gemeinde stets auch Gemeinde für andere zu sein haben. Der Auftrag steht im Raum, in unserer Zeit mit unseren Möglichkeiten unserer Sendung nachzukommen. Dafür stehe ich ein und dafür werbe ich.

Weihnachten besuchen auch Menschen die Gottesdienste, die sonst das ganze Jahr hindurch nicht in einer Kirche auftauchen. Gehen Sie davon aus, dass diese nichts dagegen haben, gefilmt zu werden?
An den Kirchentüren wird es Hinweisschilder geben, die auf den Livestream hinweisen. Entsprechend kann man sich dann einen Platz suchen. Die überwiegende Resonanz aus der Gemeinde ist sehr positiv. Viele freut es, wenn neue Möglichkeiten versucht werden und sich Kirche Neuem zuwendet. Wir müssen uns mit dem, was in unseren Räumen geschieht, nicht verstecken. Einer aus der Gemeinde sagte: "Es ist doch höchste Zeit, dass wir manchem Schund im Netz etwas entgegensetzen.

Die Fragen stellte
Marion Krüger-Hundrup.