Fährt man von Forchheim Richtung Pinzberg, fällt in der großen Kurve nach dem Wald manchmal auf, dass eine Wiese unter Wasser steht. Das ist dann der Fall, wenn die Wehre im Gosberger Zweng so gestellt sind, dass der südliche Teil des Geländes bewässert wird. Die Technik der Wiesenbewässerung ist auch an etlichen anderen Gemarkungen im Wiesental eine seit Jahrhunderten lebende Praxis, die mageren Böden im Talgrund fruchtbarer zu machen. Nur in den letzten Jahrzehnten nahmen die so bewirtschafteten Flächen zunehmend ab. Für ihren Erhalt und auch die Reaktivierung sorgt das Wässerwiesenprojekt des Landkreises.

Projektleiter Roland Lindacher gab dem Kreisausschuss für Umwelt, Klima und Natur einen Sachstandsbericht. Sowohl im Internet unter waesserwissen.de als auch mit Broschüren kann man sich mit der „Wunderwelt Wässerwiesen“ vertraut machen. Eine Modelltournee in den Gemeinden, so Lindacher, ist allerdings wegen Corona zum Stillstand gekommen. Sie macht derzeit Station in der Tourismuszentrale Ebermannstadt.

Begonnen hat die Erfassung der Wässerwiesensubstanz mit Kartierungen von Vögeln oder Heuschrecken und Zikaden oder den großen und kleinen Gewässerlebewesen. Im kommenden Jahr sollen diese Erhebungen wiederholt werden, denn zwischenzeitlich ist viel Bewässerungspotenzial reaktiviert bzw. Wässerbauwerke wie Wehre instand gesetzt worden. Aktive Wässergenossenschaften wurden unterstützt, ruhende auf ihre Wiederherstellung vorbereitet.

Ein solches Potenzial sind die Neuwiesen östlich von Ebermannstadt. In Absprache mit den Stadtwerken Ebermannstadt, die das Freibad in der Nähe betreiben, und den ansässigen Landwirten wurde bereits der zugewachsene große Wässergraben freigelegt. Die „Neue Bewässerungsgenossenschaft Pretzfeld“, deren Bewässerungsareal links und rechts der Bahnlinie liegt, wird sich demnächst wieder versammeln, um einen Vorstand zu wählen.

Vielgestaltig waren die Instandsetzungen. Die wichtigste dabei ist die Grabenpflege durch Mähen mit der Sense und Abtransport des Mähguts. Eine sehr anstrengende Arbeit. Hierzu bräuchte es auch materielle Anreize, ist sich Lindacher sicher. Als Zweites nannte er die Erneuerung von Stauanlagen und den Austausch von Schütztafeln, wie die hölzernen Teile der kleinen Wehre heißen. Man ist dabei auf eine der wenigen Fachfirmen aus Unterammergau angewiesen.

Die aufwendigste Arbeit war dabei die Instandsetzung des Nadelwehrs bei Kirchehrenbach, des letzten in ganz Süddeutschland. Bei ihm kann durch speziell geformte Dielen der Wasserdurchfluss gesteuert werden. „Arbeiten an den Wehren sind nur im Winter bis April möglich“ , erläuterte Lindacher zur Zeitdauer.

Drei große Wehre wurden bereits erneuert: das Hasenwehr bei Gosberg, das Wehr der Unteren Trettlach bei Reuth und das Auslasswehr des Schwedengrabens in der Nähe des Pinzberger Bahnhofs. Allerdings wurde hier Beton verbaut, während es früher Sandstein war. Noch 21 Baustellen gilt es diesen Winter zu beenden.

Die Arbeiten sind nicht einfach zu realisieren, liegen doch die Baustellen mitten in den Wiesen und haben nur eingeschränkte Zufahrtsmöglichkeiten. Dagegen laufen immer mehr Menschen – oft auch mit Hunden – durch die Wässerareale. Um Schäden gering zu halten, sollen die Besucher gelenkt werden, beispielsweise durch einen Infopunkt.

Immaterielles Kulturerbe

Als Motivation für die Landwirte sieht Lindacher die Aufnahme in die bayerische Liste des immateriellen Kulturerbes vor einem Jahr und jüngst die Aufnahme in das deutsche Verzeichnis . Auf Wunsch von Umweltminister Thorsten Glauber (FW) wurde ein Antrag auf ein Folgeprojekt gestellt, wenn Ende nächsten Jahres die Erstförderung ausläuft. Zusammen mit sechs weiteren europäischen Staaten bemüht man sich um die Aufnahme in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Landwirt und Kreisrat Konrad Rosenzweig ( CSU ) hob das „Alleinstellungsmerkmal“ für den Kreis hervor. In die Bewässerungsanlagen sei Geld zu investieren, weil man das auch bei einer Stadtmauer oder Burgruine tue, ohne einen aktuellen Nutzen zu haben. Beim Letzten widersprach ihm Lindacher: „Wässerwiesen sind ökologisch wirksam; das lässt sich in Geld ausdrücken“. Denn sie sind durch ihre Retensionsräume und Abflussbremsen ein wirksamer Hochwasser- und Starkregenschutz.