Gewaltige Säule am Ort des Frevels

2 Min
Der alte Stich zur Einweihung der Dreifaltigkeitssäule am 9. Juni 1851. An dieser Stelle steht heute die Nürnberger Kapelle, die am vergangenen Wochenende von Vandalen geschändet wurde.
Der alte Stich zur Einweihung der Dreifaltigkeitssäule am 9. Juni 1851. An dieser Stelle steht heute die Nürnberger Kapelle, die am vergangenen Wochenende von Vandalen geschändet wurde.
Thomas Weichert

Kultur  Die am vergangenen Wochenende geschändete Nürnberger Kapelle bei Etzdorf ist 150 Jahre alt. Vorher stand an gleicher Stelle eine riesige Dreifaltigkeitssäule – wenn der damalige Künstler des Stichs nicht übertrieben hat.

Zum Vandalismus an der Nürnberger Kapelle am vergangenen Wochenende bei Etzdorf hat sich der frühere Regionalkantor Georg Schäffner zu Wort gemeldet, der auch ausgewiesener Kenner der Gößweinsteiner Wallfahrts- und Kirchengeschichte ist. Im Besitz von Schäffner befindet sich ein Foto eines Farbstichs der Dreifaltigkeitssäule, die zuvor an der Stelle der Nürnberger Kapelle stand.

Das Original dieses Stichs habe sich einst im Besitz des verstorbenen Zahnarztes und Heimatfreunds Amandus Deinzer befunden. Von Deinzer habe er auch einst das Foto dieses historischen Stichs erhalten, berichtet Schäffner.

Die Nürnberger Kapelle in ihrer heutigen Form wurde im Jahre 1872 errichtet. Davon zeugt auch die Inschrift am Sockel, die da lautet: „Erneuert von der Katholischen Gemeinde Nürnberg 1872.“ Die Errichtung der kleinen Kapelle geht auf eine Stiftung der Wallfahrergemeinschaft der Nürnberger Bruderschaft „Todesangst Christi “ zurück. Laut Schäffner existierte die Wallfahrt dieser Bruderschaft nach Gößweinstein bis in die 1990er Jahre hinein, dann wurde sie aufgelöst.

Bruderschaften im Mittelalter

Bruderschaften waren im Mittelalter kirchlich errichtete Körperschaften, die je nach Ausrichtung verschiedenen Personenkreisen offenstehen. Ein Hauptanliegen war vor allem das religiöse Totengedenken. Eine Wurzel des Bruderschaftswesens dürften die frühmittelalterlichen Gebetsverbrüderungen sein. Bruderschaften sind im Raum des heutigen Bayerns seit dem Spätmittelalter belegt, überwiegend jedoch im 15. Jahrhundert.

Nach einem Einbruch im 16. Jahrhundert erlebte das Bruderschaftswesen in der Barockzeit eine neue Blüte. Im 19. Jahrhundert erhielten Bruderschaften durch das katholische Vereinswesen eine neuartige Konkurrenz. Die meisten dieser Bruderschaften erloschen im Laufe des 20. Jahrhunderts ohne formelle Auflösung.

Weit verbreitet besonders in Franken waren die Bruderschaften „Todesangst Christi “, von denen die „Nürnberger Gemeinde“ eine der bekanntesten war. Nach dem Pastoralblatt der Erzdiözese Bamberg gab es im Bereich des Bistums Bamberg Todesangst-Christi-Bruderschaften in Bamberg, Nürnberg, Frensdorf, Neunkirchen am Brand, Virnsberg, Mainroth und Obertrubach. In Gößweinstein, Burgebrach und Bug gab es einst auch eine Bruderschaft zur Heiligsten Dreifaltigkeit. An der Stelle, an der heute die Nürnberger Kapelle steht, erblickten die Nürnberger Wallfahrer auf dem alten Wallfahrtsweg von Etzdorf herkommend erstmals die Basilika Gößweinstein und versammelten sich an dieser Stelle kniend zum Gebet.

Vorher stand an gleicher Stelle eine offenbar riesige Säule, wenn der damalige Künstler des Stichs nicht übertrieben hat, erläutert Schäffner. Diese Säule zeigte die Heilige Dreifaltigkeit aus Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist und wurde „Heilige Dreifaltigkeitssäule“ genannt – ebenfalls gestiftet von der Nürnberger Bruderschaft „Todesangst Christi “ und eingeweiht – wie das Foto des Stichs zeigt – am 9. Juni 1851.

Diese gewaltige Dreifaltigkeitssäule, offenbar höher als die Weiße Marter bei Köttweinsdorf, die heute der größte religiöse Dreifaltigkeitsbildstock ist, stand aber nur 20 Jahre. Man vermutet, dass sie dann umkippte und zerbrach. Es wurde jedoch nicht überliefert, was damals genau geschehen ist.

Angenommen wird jedoch, dass die Reste der Dreifaltigkeitssäule im Aufschüttmaterial des Plateaus enthalten sind, auf dem heute die Nürnberger Kapelle steht. Vielleicht wurden aber sogar Steine der Säule für den Bau der Nürnberger Kapelle verwendet.

Geschändete Heiligenfiguren

Auch zu den geschändeten und teilweise zerstörten Heiligenfiguren äußert sich Schäffner. Vom Stil her stammen diese Figuren aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dürften von Anfang an seit 1872 in der Nürnberger Kapelle gestanden haben, also seit genau 150 Jahren, weshalb diese Figuren sicherlich einen hohen ideellen Wert haben.