Knackige Karotten, leuchtend rote Tomaten , griechischer Majoran sowie allerlei andere Gartenkräuter – zwar nicht das erntefrische Gemüse und die Pflanzen selbst, aber das Saatgut kann man nun in der Bücherei in Neunkirchen am Brand ausleihen. Und die passenden Bücher dazu. Was zunächst ein bisschen verwunderlich klingt, ist alles andere als das. Die Bücherei in Neunkirchen am Brand eröffnet eine Saatgutbibliothek und verleiht damit dem ganzen Ort Biodiversität, im wahrsten Sinne des Wortes. „Jeder kann sich das gewünschte Saatgut kostenlos ausleihen und bringt es im Herbst wieder zurück“, sagt Gabi Bail, die Leiterin der Neunkirchner Bücherei .

Der Sinn hinter dieser Aktion ist, dass die Leute ihre gewünschten Gemüse- und Kräutersorten im heimischen Garten aussäen und aus diesen wieder das Saatgut gewinnen. Das wird dann in die Bücherei zurückgebracht.

Der Kreislauf ist fast perfekt. Denn die übrig gebliebenen Samen dienen beispielsweise bei der Saatgutgewinnung auch den Vögeln als Futter.

Raphael Naber hat diese Erfahrung gemacht. Er ist der Ideengeber hinter diesem Leuchtturmprojekt in Oberfranken. Dass Gemüse im Garten selbst angebaut und geerntet wird, haben viele Menschen der Generation ab 1990 und auch Raphael Naber nicht erlebt. „Aus Eigeninteresse habe ich dann selbst angepflanzt. Radieschen und Kopfsalat. Ich habe noch nie einen Salat treiben sehen“, erzählt Naber. Jedoch hatte er dann vergessen, den Salat zu gießen. Das war lehrreich. „Der Salat schraubt sich nach oben und bildet an der Spitze eine kleine Blüte aus“, erzählt Naber. In dieser Blüte war der Samen, das Saatgut , aus dem im nächsten Jahr neuer Kopfsalat gepflanzt werden kann.

Ähnliche Erfahrungen hat er mit den Radieschen gesammelt. Eins davon ließ er stehen. Daraus bildete sich ein Stängel, an dem wiederum sich eine Art Knospen bildeten. Dort war das Saatgut , um neue Radieschen im Jahr darauf ansäen zu können. „Das alles weiß man nicht, wenn man sich damit nicht beschäftigt“, erklärt Naber.

Beim Sammeln der Samenkörnchen, die er auf den Boden legte, kamen auch Vögel, um diese Körnchen zu naschen. Der Kreislauf war perfekt. Das Saatgut , das der Hobbygärtner aus den in der Bücherei geliehenen Gemüsen und Kräutern gewinnt, ist das Saatgut , das er der Bücherei zurückbringt. Im Herbst, nach der Ernte. Zugleich wird auf diese Art mehr Saatgut gewonnen als ausgesät und geerntet wurde.

Auch in der Saatgutbibliothek stehen so immer mehr Saaten zur Verfügung. Das ist mit 56 verschiedenen Gemüse- und Kräutersorten schon enorm. Das zu bekommen, darum kümmerte sich Sabine Reis , ebenfalls Mitarbeiterin in der Bücherei . „Sie kennt sich gut aus und hat im Internet recherchiert“, sagt Gabi Bail.

Bei Saatgut Bingenheimer haben sie dann bestellt. Die Firma vertreibt ökologisches Saatgut , das vermehrungsfähig ist und nicht genmanipuliert.

Wunschliste

Damit nun das Projekt umgesetzt werden konnte, fertigten Bail und Reis eine Wunschliste an, in die sich die Bürger eintragen konnten. Natürlich musste das Saatgut auch bezahlt werden, so wurde nach Spendengeldern gesucht. Die Grünen haben einen Großteil gespendet. „Wir haben die Saattüten nicht eins zu eins übernommen, sondern in kleine Tütchen abgepackt“, verrät Gabi Bail. Die „Erbsenzählerin“, die diese Feinarbeit übernommen hat, ist Sabine Reis .

Gabi Bail hat noch einen Saatgutkalender organisiert. Denn die Nutzer der Bibliothek erhalten auch eine Anleitung, wie das Saatgut aus den dann wachsenden Pflanzen gewonnen werden kann.

Die Idee zu dieser besonderen Bibliothek hatte Raphael Naber nach einem Video. Um eine Saatgutbibliothek ging es da, und Naber war begeistert. Kostengünstig und nachhaltig wirtschaften ist damit möglich. Schnell konnte er Gabi Bail und Sabine Reis für das Projekt gewinnen. „Ohne die ehrenamtlichen Mitarbeiter wäre es nicht gegangen“, sagt Naber.

Auch der Bürgermeister war sofort begeistert von dem Vorhaben. Seine Idee war, Hochbeete aufzustellen an Plätzen, die nicht bepflanzt werden können. Wenn dann die Kinder von der Schule oder der Kita nach Hause laufen, könnten sie Erdbeeren oder Gemüse aus den selbst gesäten Pflanzen naschen.

Gabi Bail, Sabine Reis und Raphael Naber fallen dazu noch weitere Ideen ein. Denn auch eine Pflanzenbörse könnte irgendwann entstehen. Leser der Bücherei haben schon selbst gezogenes Blumensaatgut gebracht. Und Gabi Bail erklärt der Arbeitsgruppe Umwelt der Grundschule das Funktionieren der Saatgutbibliothek. „Das ist Umweltschutz zum Anfassen“, freut sich Raphael Naber.

Das Bewusstsein der Bürger jedenfalls hat sich geändert. „Wir hatten die Leute mit Mühe daran hindern können, dass sie die Saatguttütchen nicht gleich mitgenommen haben“, freuen sich Reis und Bail. Offiziell wird die Saatgutbibliothek erst am 1. April um 15 Uhr eröffnet.