„ Pretzfeld – Das wahre Silicon Valley “, unter diesem provokanten Titel lud die Volkshochschule (VHS) des Landkreises Forchheim in Kooperation mit dem Markt Pretzfeld zu einem Vortrag von Professor Georg Müller ein.

Müller erläuterte, wie und warum es im Pretzfelder Schloss zu bahnbrechenden Erfindungen und zeitgeschichtlich bedeutsamen Entwicklungen kam. Kein Fernseher, Handy, Auto oder medizinisches Gerät würde ohne die wegweisenden Entwicklungen aus Pretzfeld funktionieren.

Bereits in den 30er Jahren hatten der Physiker Walter Schottky und sein Kollege Eberhard Spenke in den Siemens-Laboratorien in Berlin Halbleiterforschung betrieben. Als infolge des Krieges die Produktionsstätten von Siemens zerstört oder als Kriegsbeute abtransportiert wurden, verlegten sie 1946 ihre Ideenschmiede und das Halbleiterlabor in das Schloss in Pretzfeld .

Dort gelang es den beiden in den Folgejahren erfolgreich, Reinstsilizium sowie die zur Produktion von „Einkristallen“ erforderliche Technik zu entwickeln. Während heute die Siliziumproduktion unter absolut sterilen Reinraumbedingungen stattfindet, standen seinerzeit die Anlagen zur Einkristall-Herstellung im Weinkeller des Pretzfelder Schlosses, dem damaligen „Reinraumprovisorium“.

Mit diesen Erfindungen ist Pretzfeld in der Halbleiterszene damals weltbekannt. 1954 informierten sich die Nobelpreisträger Bardeen und Brattain direkt vor Ort über die Forschungen Schottkys und Spenke. Müller wusste zudem Interessantes zu den Persönlichkeiten vor Ort zu berichten: Schottky war in Pretzfeld sozusagen die graue Eminenz, er forschte in seinem Arbeitszimmer allein. Eberhard Spenke war in Pretzfeld der Chef, er war streng, konnte die Mitarbeiter aber sehr gut motivieren. Und vor allem: Nur Spenke verstand Schottkys Gedankenwelt und theoretischen Ergebnisse und setzte diese in Pretzfeld in der Praxis so um, dass sie in die Entwicklung der Bauelemente einfließen konnten.

Zeitweise waren im Pretzfelder Schloss und den Produktionsanlagen mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigt. Als besondere Anekdote gilt die Geschichte vom ominösen „Dr. Pretz“ – einem Phantom. Dieser musste bei Meldungen an die Siemens-Zentrale München immer herhalten, um herauszustellen, dass es sich nicht um die Verdienste einzelner, sondern aller Mitarbeiter handelte. Aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen wurde 2002 der Halbleiterstandort Pretzfeld geschlossen.

Gemeinsam mit Jochen Friedrich vom Fraunhofer-Institut hat es sich Georg Müller zur Aufgabe gemacht, die Bedeutung von Pretzfeld und die Verdienste von Walter Schottky um die Geschichte der Halbleiterforschung und -entwicklung ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Mit Unterstützung des Fraunhofer-Instituts wurde ein Flyer zur Halbleitergeschichte Pretzfelds entwickelt. Über weitere Möglichkeiten und Projekte will man mit dem Markt Pretzfeld und dem Kulturamt des Landkreises Forchheim sprechen. red