Das Fränkische-Schweiz-Museum beschäftigte sich in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt des Landkreises Forchheim und dem Historischen Verein für Oberfranken anlässlich des Lutherjahrs 2017 mit Bischof Nausea (1496-1552).
Unter dem Titel "Zwischen Reform und Reformation" gab der gebürtige Waischenfelder Bernhard Schweßinger Einblicke in das Leben von Bischof Nausea. Geboren wurde dieser als Friedrich Grau in Waischenfeld. Nausea, nach dem in Waischenfeld der Bischof-Nausea-Platz benannt ist, war Domprediger in Mainz, Bischof von Wien und Konzilsvater zu Trient.
Bernhard Schweßinger ist Pressesprecher der Diözese Würzburg und Leiter des Medienhaus der Diözese Würzburg.

Herr Schweßinger, was fasziniert Sie an Bischof Nausea?
Schweßinger: Mit dem aus Waischenfeld stammenden Friedrich Grau, der sich Nausea nannte, habe ich mich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder beschäftigt. Auslöser für das Interesse war sicherlich das 500. Geburtsjahr Bischof Nauseas, das wir 1987 in Waischenfeld mit einem wunderbaren Festjahr gefeiert haben. Während meiner Studienzeit durfte ich zuvor von 1984 bis 1985 ein Jahr in Wien studieren und konnte damals in der Wiener Hofbibliothek so manches zu Nausea recherchieren. Mit Blick auf das Lutherjahr hat mich der aus Waischenfeld stammende Kulturreferent des Landkreises Forchheim, Toni Eckert, im vergangenen Jahr gefragt, ob ich nicht im Lutherjahr einen Vortrag zu Nausea halten könnte. Spontan habe ich zugesagt und dann versucht, einige neue Forschungsergebnisse aufzuarbeiten.

Wie intensiv waren Ihre Recherchen?
Bisher unbeachtete Akten in den vatikanischen Archiven hat der im Schweizer Fribourg lehrende Professor für Geschichte der Neuzeit, Volker Reinhardt, in seinem Buch "Luther der Ketzer. Rom und die Reformation" aufgearbeitet. Das Buch gibt interessante Einblicke in das Agieren Roms in der Reformationszeit. Als ich dort die Beauftragung des Kardinals Lorenzo Campeggio zum Päpstlichen Legaten für Deutschland im Jahr 1524 las, musste ich sofort an Nausea denken.

Warum?
Nausea stand 1523 nach umfangreichen Studien und gefüllt mit Wissen vor dem Einstieg ins Berufsleben. Und Kardinal Campeggio ernannte ihn zu seinem Sekretär für den Reichstag in Nürnberg. Wenn als ich vorausgegangene Gutachten zum Umgang Roms mit Martin Luther und der Reformation in Deutschland gelesen habe, war mir sofort klar, dass Nausea ein Teil dieser römischen Strategie war: In der römischen Instruktion heißt es nämlich, dass man der überwältigenden Medienpräsenz des Erzketzers Luther und seiner Anhänger mit eigenen Publikationen entgegentreten wolle.

Auf welche Weise?
Zu diesem Zweck mussten die geeigneten Autoren durch gezielte Gunsterweise motiviert und ihnen Zugang zu den großen Druckerpressen des Reiches verschafft werden. Das trifft genau auf Nausea zu: Er war ein bestens gebildeter junger Humanist und Jurist, dem der päpstliche Legat Campeggio die Gunst erwies und zu seinem Sekretär beim Reichstag in Nürnberg ernannte. Nausea bediente fortan mit insgesamt rund 100 eigenen Werken die Druckerpressen. Dabei entstanden natürlich hohe Kosten, die Nausea über Einnahmen aus verliehenen Präbenden finanzierte. Nauseas Scheitern an seiner ersten Pfarrstelle im Sankt Bartholomäusstift in Frankfurt, das auch als Dom bezeichnet wird, hat mich in jüngster Zeit besonders interessiert. Danken darf ich hier posthum den vor kurzem verstorbenen Albert Berger aus Hainburg bei Hanau.

Warum?
Mit seiner Frau hat er über Jahrzehnte seinen Urlaub in der Pension "Krems" in Rabeneck verbracht. Als er von Nausea erfuhr und mich damit in Verbindung brachte, hat mich Berger immer wieder mit Informationen zu Nauseas Frankfurter Zeit "gefüttert". So kam ich zum Ratsprotokoll im Frankfurter Bürgermeisterbuch von 1526, wo der Aufruhr bei Nauseas erster Predigt beschrieben ist, und zum Schreiben Nauseas an den Rat der Stadt Frankfurt am Main, in dem er den Konflikt mit den Reformatoren in Frankfurt erst befeuert.

Welche Forderungen erhebt er
darin denn?
In dem Schreiben forderte Nausea, dass die in Frankfurt bereits agierenden protestantischen Prädikanten nicht mehr in seiner Pfarrkirche predigten dürften und der Rat dies verbieten müsse. Er selbst hörte nicht auf die Warnungen des Rats vor einem Eklat, schritt zu seiner ersten Predigt im Stift und musste diese aufgrund des Aufruhrs in der Kirche abbrechen. Es kam zu lautem Geschrei und der Forderung, die Prädikanten wieder predigen zu lassen.

Was geschah?
Nausea verließ darauf das Stift und die Stadt Frankfurt und kehrte nicht mehr zurück. Durch diese für mich neue Aktenlage wird meines Erachtens erstmals deutlich, dass Nausea selbst einen großen Anteil daran hatte, dass er die bedeutsame Frankfurter Pfarrstelle verlassen musste. Er hatte nach den Studienjahren in Italien die Situation in Deutschland völlig falsch eingeschätzt und musste dafür Lehrgeld zahlen. Letztlich kam ihm dieses Scheitern dann aber zugute, denn er erhielt innerhalb weniger Tage die Stelle des Dompredigers in Mainz und konnte dort seine Predigertätigkeit vollends entfalten.

Mit welchem Ergebnis?
23 Werke entstanden in Nauseas Mainzer Zeit bis 1534; darunter die Centurien, eine umfangreiche Sammlung von Predigten zu den Sonntagen des Jahreskreises, zu den Festen und zu den Heiligentagen. 1535 erschien dieses Werk auch in Deutsch. Die Geschichte zeigt, dass aus einem Scheitern sich neue Chancen eröffnen können. Eine Lebensweisheit, auch für heute. Neu waren für mich auch die Kontakte, die Nausea im Hintergrund offizieller Verhandlungen mit den Reformatoren beim Religionsgespräch 1540 und 1541 in Worms pflegte.

Mit wem pflegte Nausea Umgang?
Er traf sich mit den Wittenberger Reformatoren Philipp Melanchton und Caspar Cruciger sowie mit dem Straßburger Reformator Martin Bucer heimlich in seiner Wohnung, um zu diskutieren, wie die stockenden Religionsgespräche vorangebracht werden könnten. Menschlich beeindruckt hat mich dabei besonders, dass die Reformatoren zu Beginn des Jahres 1541 Nausea am Krankenbett besuchten. Sein Steinleiden setzte ihm sehr zu. Mit dem Besuch der Reformatoren ging es ihm gleich wieder besser, schreibt er. Das zeigt doch, dass bei allen theologischen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen das Zwischenmenschliche hier Platz findet. Für mich greift eine solche Begegnung tiefer und kann auch für heute Beispiel sein, wie jeder von uns mit Andersdenkenden, Andersgläubigen umgehen kann und sollte. Historische Forschung kann spannend sein.

Das Gespräch führte
Thomas Weichert.