"Ich werde es schon sehr vermissen", sagt Karl Dittrich, wenn er an den März nächsten Jahres denkt. Dann wird er in Ruhestand gehen. Dass ihm die Werkstatt fehlen wird, ist eigentlich nicht verwunderlich. Denn der 65-Jährige ist in der Hammelburger Lebenshilfe-Werkstatt für Menschen mit Behinderung bereits seit 50 Jahren beschäftigt.

Er war einer der ersten Menschen mit Handicap, der mit 15 Jahren in der Berliner Straße anfing. Die Lebenshilfe hatte kurz zuvor die ehemalige Wäscherei gekauft und zur Werkstatt umgebaut. "Ich war gerade 14 Tage aus der Schule", erzählt er. Die hatte der gebürtige Untererthaler zunächst drei Jahre in seinem Heimatort und später bis zur 9. Klasse in Hammelburg besucht.

Als er in der neuen Werkstatt anfing, "waren wir 25 Arbeiter und zwei Gruppenleiter", erinnert er sich an die Anfänge. Damals habe er Gardinenrollen gemacht, später Wäscheklammern und andere Montagearbeiten, auch an der Drehbank stand er schon. Heute arbeiten am Standort Hammelburg der Lebenshilfe Schweinfurt mehr als 200 Menschen mit Behinderung.

Dittrich ist für die Endkontrolle der Kabelbäume zuständig. "Er ist der beste Mann für diese Aufgabe, weil er sehr genau ist", sagt Werkstattleiter Thomas Porkristl. Und Dittrichs Gruppenleiter Thomas Weber ergänzt: "Er ist der letzte, der das Kabel in der Hand hat und keiner ist so schnell wie er bei der Kontrolle." Auch vom Fotoblitz lässt Karl Dittrich sich nicht aus der Ruhe bringen: Ein kurzer, prüfender Blick, Stempel drauf und ab mit der Kabelrolle in die Kiste.

Werkstattleiter Porkristl konnte heuer gleich mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre langjährige Zugehörigkeit ehren. Wegen Corona erfolgten die Ehrungen allerdings getrennt in den jeweiligen Gruppen. Aber für das besondere Jubiläum von Karl Dittrich gab es eine kleine Feier mit Würstchen im Hof.

"Heute ist ein besonderer Tag. Zum ersten Mal ehre ich einen Mitarbeiter, der bereits 50 Jahre in der Werkstatt arbeitet. Karl war seit der ersten Stunde hier beschäftigt. Ich freue mich heute sehr dich, Karl, für 50 Jahre tatkräftige und gewissenhafte Arbeit zu ehren. Du bist ein echter Teamplayer und ein sehr wichtiger und geschätzter Kollege in unserer Werkstatt. Wir danken dir für deine stets fröhliche und offene Art", sagte Werkstattleiter Porkristl. Auch später im Wohnheim wurde ein klein wenig gefeiert, verrät der Jubilar.

Er wird wohl auch der einzige Mitarbeiter in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung bleiben, der 50 Jahre dort arbeitet. "Denn heute sind sie 18 bis 20 Jahre alt, wenn sie hier anfangen", berichtet Porkristl. Drei Werkstattleiter hatte Dittrich als Chefs. Viele schöne Erinnerungen an gemeinsame Fahrten und Ausflüge mit den Kollegen bleiben ihm. Aber auch weniger schöne hielt das Leben bereit, wie das Jahr 1975, als in drei Monaten neun Arbeitskollegen starben.

Stiller Beobachter

Die Arbeit bei der Lebenshilfe gefällt Dittrich auch nach 50 Jahren noch. Obwohl er eigentlich gerne zur Bundeswehr wollte. "Die Bundeswehr hat mich schon immer interessiert, aber die haben mit wegen meinem Auge nicht genommen", erzählt Dittrich. Deshalb war es für ihn früher stets ein Höhepunkt, wenn die Panzer für Übungen am Hammelburger Bahnhof verladen wurden. Dann sei er immer dort gewesen, um zuzusehen und währenddessen für die Soldaten einzukaufen.

Auch heute fährt er noch gerne "ins zweite Hammelburg oben am Berg", wie er es nennt, um im Lager ein- und ausfahrende Bundeswehr-Fahrzeuge oder Übungen zu beobachten. Einmal hat sich die Bundeswehr Hochsitze von der Lebenshilfe-Werkstatt geliehen, die dort in der Holzabteilung hergestellt werden, und die kurzfristig als Wachttürme für eine Übung benötigt wurden. Als Dank wurden die Lebenshilfe-Mitarbeiter zum Zuschauen eingeladen. Dittrich war an vorderster Front dabei - vermutlich in seinem olivgrünen Parka, mit dem er seine Faszination für die Bundeswehr auch stets nach außen zeigt. Und er wird auch dabei sein, wenn die neue Werkstatt in der Berliner Straße, die gerade für mehrere Millionen Euro neu gebaut wird, nächstes Jahr eröffnet wird. Dann aber nicht mehr als Monteur, sondern als geladener Gast, verspricht Porkristl.