Marion Krüger-Hundrup

Josef Schirmer muss gleich Wasser in den Wein gießen: "Für die breite Öffentlichkeit ist die Entdeckung nicht zugänglich, nur Forscher können sie sehen." Doch der Kirchenpfleger von St. Gangolf will mit dieser Einschränkung die Sensation nicht schmälern. Denn eine solche ist die Freilegung der Wandmalerei aus dem 12. Jahrhundert, die dem Restaurator Peter Turek im Zuge der Generalsanierung von Bambergs ältester Kirche gelang. "Sie schließt ein schwarzes Loch in der Geschichte Bambergs", erklärt der Fachmann aus Forchheim.


Romanischer Mäanderfries

In einer außerordentlichen Pfarrversammlung hat Turek jetzt über diese Besonderheit berichtet. Als im Frühjahr und Sommer die Instandsetzungsarbeiten am Dachtragwerk über Lang- und Querhaus von St. Gangolf liefen und das Dämmmaterial früherer Sanierungen entfernt worden war, trat die hochbedeutende Wandmalerei zu Tage: Ein romanischer Mäanderfries in Rot- und Ockertönen. Er zierte den Innenraum der Kirche bis zu dem schweren Brand 1185. Das Feuer beschädigte das erst 1063 geweihte Gotteshaus. Reste der Malerei aber haben sich über 832 Jahre hinweg unterhalb der Mauerkrone erhalten.
Als man nach dem Brand einen neuen Dachstuhl errichtet hatte, konnten auch die Schäden an den Wandoberflächen beseitigt, die Wände neu getüncht und die Kirche wieder in Betrieb genommen werden. Das Dachwerk von 1185 hat sich bis heute erhalten: Es zählt zu den ältesten in Bayern. Der Einbau von Gewölben im Jahr 1753 hat die älteren Putzschichten zwar großflächig zerstört, doch der schmale Streifen oberhalb der Wölbung blieb jahrhundertelang unberührt. Restaurator Turek, der mit der Fachbauleitung betraut ist, untersuchte die romanischen Putze unter Zuhilfenahme modernster Untersuchungsmethoden. Der entdeckte Mäanderfries, der regelmäßig von rechteckigen Bildfeldern unterbrochen ist, zeigt gemalte Büsten von männlichen Heiligen. Im Streiflicht sind vertikale Ritzungen und horizontale farbige Markierungen erkennbar. Daran orientierten sich die unbekannten Maler, um die Dekoration exakt anzubringen. Getupfte Zeichen wie Punkte oder Haken gaben einen Hinweis auf die für die perspektivische Wirkung entscheidende Farbverteilung.
Die Untersuchungsergebnisse erlauben also auch einen Blick in die Malerwerkstatt des 12. Jahrhunderts: "Die Technik hinter der Malerei ist spannend: Wie wurde seinerzeit gemalt?", eröffnet Kirchenpfleger Schirmer eine bislang unbeantwortete Frage aus der Bau- und Kunstgeschichte von St. Gangolf.
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege ordnet den Fund in eine seit ottonischer Zeit gut belegte Tradition ein, die von der Reichenau über den Augsburger Dom bis zur Klosterkirche Prüfening bei Regensburg reicht. Zugleich geht die Fachbehörde davon aus, dass von St. Gangolf aus Rückschlüsse auf die verlorene Ausmalung des Heinrichsdomes nach dem Brand von 1081 möglich werden.
Einen gewissen Nebeneffekt hat das Aufspüren der Wandmalerei für den Verlauf der Sanierung: "Es gibt nun eine Zeitverzögerung, wir hoffen aber, dass die Dachschalung vor dem Winter fertig wird", erklärt Schirmer. Und ist doch beglückt über die Tatsache, dass "St. Gangolf jetzt in Bamberg in der Oberklasse zu suchen ist, denn es gibt nichts Vergleichbares mit unserer romanischen Malerei."