Humor am 1. April in der alten Darre initiiert von der KIS, der Kulturinitiative von Bad Staffelstein - kein Scherz. Das Duo Streckenbach und Köhler zelebriert in seinem Programm "Hüften aus Gold" temporeich Unfug und schrägen Nonsens auf musikalisch hohem Niveau. Und wer trotz Vorwarnung in der ersten Reihe Platz genommen hat, befindet sich höchstpersönlich inmitten des Blödel-Spektakels.
Mitten durch die überfüllte Darre kommen sie angerannt, als gäbe es kein Morgen, und verbreiten mit ihrer Hektik einen Vorgeschmack auf das, was dem Publikum blüht. Die Begrüßung finden die beiden etwas zu zurückhaltend. "Winkt nochmal blöd! Also ihr macht ein Gesicht!"


Das Publikum fest im Griff

Von da an haben Streckenbach & Köhler ihr Publikum fest im Griff mit einem Programm, bei dem das Publikum nicht nur angehalten ist, ständig Beifall zu zollen, sondern selber mitwirken muss. Als dankbarer Empfänger von Schokobonbons, als Mitspieler beim Contest "Wer kriegt die beste Köhler-Frisur hin", mit jeweils einer Dose Haarspray. "Willste mal anfassen, Oma?", fragt Streckenbach beim Hüftgoldlied in die erste Reihe hinein und das Publikum johlt.
Der selbstverliebte André von Streckenbach betont gebetsmühlenartig immer wieder seine Hochschul-Gesangsausbildung in Weimar und schmettert Arien und Balladen rauf und runter bis zum "3-fach gestrichenen C". Und sein "minderbemittelter" Kollege Köhler, "der eh nix kann", darf nur auf dem Klavier begleiten und habe die Klappe zu halten. Was dieser allerdings virtuos beherrscht und exzessiv beweist, wenn er liegend das Klavier groovt und einbeinig und fulminant in die Tasten haut. Es kommt nicht von ungefähr, dass im wirklichen Leben beide studierte Musiker sind.
Streckenbach, der geschniegelte Narzisst, mit gegeltem Haar im weißen Anzug mit rotem Hemd und roten Schuhen - Köhler im schwarzen Anzug, dem die Haare zu Berge stehen wie "Catweazle", mimt als Gegenpart den Underdog. Dient als Zielscheibe von Streckenbachs Boshaftigkeiten und dessen Dauermobbing. Gegensätzlicher könnte das schräge Duo nicht sein und doch ergänzen sie sich wunderbar. Der perfide Plan der beiden geht auf: Köhler allein gewinnt die Sympathien - mehr noch - das Mitgefühl des Publikums.
Lauthalses Lachen auf ganzer Linie, wenn Streckenbach eine ältere Dame aus Kühlungsborn auffordert, ihn zu bitten "Ich will ein Kind von dir". Auch Hellmuth, Heike, Michael und Marianne müssen seine Ergüsse erdulden; den beiden letzteren, "egal ob Pärchen oder nicht" wird das Dildolied gewidmet. Heike sei ein ,Gerät‘ und optisch Zucker, "du schaust aus wie eines dieser deutschen Models",so testet er typische Anmachsprüche. Und als sie mehr oder weniger freiwillig auf die Bühne gezerrt wird, erträgt sie stoisch das dargebotene Liebeslied-Medley.


Breiter musikalischer Bogen

Zwischen Hip-Hop, Klassik und Swing switchen die Musik-Kabarettisten nonchalant hin und her und bedienen sich ungehemmt aller Stilrichtungen. Bekannte Lieder werden herum jongliert, frech umgetextet und umgemodelt. Ein "Ave Maria von Bach" trällert Streckenbach gewohnt schräg, aber akustisch mehr als professionell. Angelehnt an Lieder von Max Raabe: "Wir gehen jetzt einfach promovieren" in Anspielung auf die Plagiatsaffäre von Guttenberg "und auch ohne Latein kannst du auch ein Doktor sein, mit einem guten Plagiat regiert man sogar einen Staat, und wird der Titel aberkannt, geht man direkt ins Amiland."
Eine Loopstation erzeugt auf mehreren Spuren Geräusche und bildet den Takt für das "Biolied". Köhler schmatzt, rülpst und rotzt dabei rhythmisch, was das Zeug hält, mampft nebenbei Mohrrüben und verstreut die Reste, da ihm die Schokolade bis zum Schluss verwehrt wird.
"Du musst schon aufpassen, mit wem du dich paarst", johlt Streckenbach, insbesondere wenn man in einer nicht ganz so intellektuellen Gegend unterwegs sei. Im Gegensatz zum Staffelsteiner Publikum, das "von ausgesprochener Intellektualität ist". "Wenn man es in der alten Darre schafft, dann schafft man es auf der ganzen Welt." Und tatsächlich ist das Publikum, darunter viele eingefleischte Fans, sogar von Wien, Kühlungsborn und Bottrop angereist. O-Ton eines Personalleiters eines großen Werks: "Also die haben wirklich ein Gefühl für Atmosphäre; ihre Comedy ist trotz aller vordergründigen Plattheiten ironisch bis zynisch und auf hohem Qualitätsniveau - genauso wie die Virtuosität des Gesangs und des Klavierspiels."
Nach gewaltigem, langanhaltendem Applaus die Zugabe. Mit nassen Hemden "Aber bitte mit Sahne" schmetternd und das Publikum zum Mitsingen von "oh yeah" animierend, bieten die Künstler ein furioses Finale einer musikkabarettistischen Show.


Auch eine ernste Seite

Aber sie können auch anders und zeigen am Ende noch ihre ernsthafte Seite. Mit dem nachdenklich interpretierten Chanson von Reinhard Mey singen sie dem Publikum "Leb wohl, adjeu, gute Nacht!"