Friedel Heckenlauer ist geradezu euphorisch: "Wer sagt denn, dass ein See nur mit Wasser funktioniert? Das werden spannende Zeiten am Ellertshäuser See", sagt der Bürgermeister von Stadtlauringen, in dessen Marktgemeinde die riesige Badewanne die größte Tourismus-Attraktion ist. Ein Schatz der Natur aus Menschenhand.

Ein See, so die Definition, ist eine größere Wasseransammlung in einer Bodenvertiefung der Landschaft. So gesehen ist Heckenlauers Wasseransammlung ein Noch-See, denn mit der langsamen Absenkung des Wasserspiegels, die heute beginnt, und schließlich der kompletten Trockenlegung 2022 verliert der See vorübergehend seine wichtigste Zutat.

Hintergrund des seit Jahren vom Wasserwirtschaftsamt in Bad Kissingen akribisch geplanten Großprojekts ist der künstliche Charakter des Sees. In den 1950er Jahren entstand er im damaligen Landkreis Hofheim als Reservoir, um die umliegenden Felder zu bewässern. Dazu kam es wegen der Kosten nie; der größte See Unterfrankens ging ins Eigentum des Freistaats über. Und fristete eine Zeitlang, von Wald umsäumt, ein eher beschauliches Dasein.

1983 wurde der See zum ersten und seither letzten Mal abgelassen, die dicke Schlammschicht entfernt, die sich am Grund abgesetzt hatte. Es ist also durchaus ein Jahrhundertprojekt, was jetzt wieder passiert, wie Uwe Seidl vom Wasserwirtschaftsamt sagt.

Vertiefter Blick auf die Technik

Wobei die Seemacher diesmal nicht nur den Schlamm im Auge haben, sondern vor allem auch die Technik, die dafür sorgt, dass sich in der Landschaft tatsächlich nennenswert Wasser sammeln kann. Das ist augenfällig der Damm, der 2,8 Milliarden Liter Wasser staut; unsichtbar die Rohre in einem Stollen unter dem See, über die der Ablauf reguliert und der See belüftet wird.

"Regelmäßig müssen die staatlichen Seen in Bayern einer vertieften Überprüfung unterzogen werden", sagt Seidl. Vertieft ist in diesem Fall mehrdeutig. Beim letzten See-Check kam heraus, dass die Ablassleitung des Sees saniert werden muss. Das geht nur ohne Wasser - ein See muss ins Trockendock.

Die Wasserbewohner ziehen um

Dass dies dann doch nicht wie bei der Badewanne abläuft - Stöpsel raus und Wasser marsch -, sondern eher gemächlich vor sich geht, hat gute Gründe: Beim Wasserlassen muss dafür Sorge getragen werden, dass die Wesen, für die ein See eben nur mit Wasser ein See ist, die Prozedur möglichst vollzählig und unbeschadet überstehen. Das Glück in diesem Fall: Der große See hat einen kleinen Bruder, den Vorsee, mit einem Damm abgetrennt, in dem der wichtigste Zulauf, der Sauerquellenbach, die mitgeführten Sedimente hinterlässt.

Der Vorsee wird zum Ausweichquartier für die Tierwelt des Sees; dazu wird der Damm in den nächsten Wochen verstärkt und erhöht, wenn der Wasserstand im Hauptsee niedrig genug ist, wie Seidl erklärt. Dann wird der Pegel im Hauptsee stufenweise weiter abgesenkt, das Wasser abgefischt.

Die Tierwelt soll das Großprojekt so gut wie möglich überstehen, aber der Eingriff ist ein enormer: "Das ganze Ökosystem wird auf den Kopf gestellt", sagt Gerhard Weniger, der Naturschutzbeauftragte des Landkreises Schweinfurt, der das Projekt begleitet. "Es wird massive Verluste geben."

Wo ist unser See geblieben?

Am ehesten werden sich wohl die kleinen und großen Fische, die sich im See tummeln, an den vorübergehenden Umzug in eine neue Heimat gewöhnen. Sie können ja nicht ausweichen. Sehr viel schwieriger wird es laut Weniger für die Amphibien, die zum Laichen immer wieder an den selben Ort zurückkehren und einen See vorfinden werden, der kein See mehr ist. "Es wird nichts anderes übrig bleiben, als die Amphibien auf ihrer Wanderung an beiden Seeufern regelmäßig einzusammeln und zum Vorsee zu bringen", sagt der Naturschützer.

Die Hoffnung, die sich an das Großprojekt knüpft, ist, dass der See, entschlammt und technisch aufgefrischt, sich nach der Rückkehr von Wasser, Fischen, Kröten ... in einem ökologisch besseren Zustand befinden wird. Er ist ja nun von Menschenhand gemacht und braucht wohl ab und zu die Menschenhand (wieder), um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das Projekt kann man "live" über eine Internetseite mitverfolgen (Link unter "Zeitplan").

Für den Tourismus am See sieht Bürgermeister Heckenlauer nicht schwarz. Der See sei auch ohne Wasser eine Attraktion. "Weil die Menschen miterleben wollen, was da alles auftaucht." Schatzsuche inklusive: Stadtlauringen wird Metallsuchgeräte besorgen. Eine Seefahrt, die soll lustig sein. Auch ohne Wasser.