Satire ist die Würze in Helga Sieberts Jahresrückblick "Ultimo 2015". Mit verbalem Fingerzeig deutet sie auf die Absurditäten unserer Zeit, denen man manchmal nur mit schwarzem Humor begegnen kann. 60 Leute sind dafür in das Stadtschloss gekommen, darunter viel Stammpublikum.
Bei all dem Überschuss und den bestehenden Transportwegen - "Liebe Welthungerhilfe, warum klappt das einfach nicht?", fragt sie. Wieso gehen in Dresden Menschen aus Angst vor "näherrückenden Ausländern" auf die Straße, obwohl der Anteil gerade bei 0,2 Prozent liegt? So viele Länder rückten nach rechts. "Ich konnte so viel Magenbitter gar nicht nehmen, wie mir übel war."
Siebert verpackt ernste Themen mit viel Ironie. Besonders ihre Märchenstunde macht nachdenklich. Auf einem Klavierhocker sitzend liest sie aus einem großen Buch vor. Sie erzählt das Märchen vom glücklichen Aufbruch in ein neues Land, der sich in der Realität als lebensgefährliche Flucht erweist. Im Publikum herrscht zunächst Schweigen. Ein Einzelner beginnt zu klatschen, die anderen folgen zögerlich. Ihre Satire bewegt, weckt Aufmerksamkeit. Letztere braucht man unbedingt, um der eloquenten Kabarettistin folgen zu können. Sonst verpasst man das Beste. Gerade in der Faschingszeit ist ihre Mischung aus Politik- und Gesellschaftssatire plus Alltagskomik eine wohltuende Mischung.


Ein Plausch mit Hertha

Ja, es gibt vieles im Jahr 2015, worüber aufzuregen es sich lohnt. "Wenn ich mich so aufrege, bin ich froh, dass ich noch meine eigenen Zähne habe! Das würde ja sonst so klappern ..." Bei vielen Themen schwingt Ernsthaftigkeit mit. Doch Siebert kann auch genug Kurioses aus dem Alltag berichten, gern plauscht sie in Hamburg darüber mit ihrer Nachbarin Hertha. Siebert sucht in Zeitungen nach kleinen Geschichten und wird dort nicht selten fündig: Von Leuten liest man da, die im offenen Sarg bei ihrer Beerdigung wieder aufwachen, die auf der Suche nach ihrem Gebiss in irgendwelchen Schächten steckenbleiben. Und Hertha bleibt oft nicht um einen schlagfertigen Kommentar verlegen, erzählt sie. Als Siebert ihr von einem Mann berichtete, der sich beim Aufheulen des Martinshorns so erschreckt hat, dass sein Herz stehenblieb, meinte Hertha nur: "Aber gehört hat er wohl noch gut!" Und weil das Leben so viel Komisches bietet, sinniert Siebert über die Kreuzfahrer - ihre lustigste Nummer an diesem Abend. Dabei kommt ihr eine famose Idee. Abgesehen davon, dass so ein Kreuzfahrtschiff ein fabelhafter Ort sei, an dem die Kreuzfahrer ("Das sind die, die es im verlängerten Rücken haben") sich "von Bar zu Bar hangeln und von Deck zu Deck joggen" können, sei er doch als "schwimmende Pflegestation" hervorragend geeignet, meint sie. Es sei bestimmt günstiger als ein Seniorenheim an Land. Keine störenden Enkel, lästige Verwandte und Freunde.
Ihre Ausführungen sind köstlich. "Ich sag' Ihnen, da geht noch was", blickt sie vertraulich grinsend ins Publikum. Und fügt hinzu: "Unter uns: Die Entsorgung ist auch pietätvoll." Vom schippernden Kreuzfahrtseniorenheim manövriert sie direkt zur reiselustigen Queen Elizabeth, im Gepäck eine wunderbare Parodie samt Krönchen, die mit den Worten endet: "God safe me!"