Welcher Handwerksberuf schafft es zur Auszeichnung "außergewöhnlich und extravagant" oder ist seit 2017 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen? Der Berufsstand des "Korbmachers" oder - neu - des "Flechtwerkgestalters" hat es geschafft. Jedoch: Das Handwerk scheint fast ausgestorben. Nur in der früheren Korbmachergemeinde Sand gibt es mit Stefan Rippstein noch einen Meister seines Fachs, der dieses alte Handwerk mit besonderer Liebe hauptberuflich betreibt und es auch in die Zukunft führen will.

In Sand lebten früher viele Menschen von diesem ehrbaren Handwerk, das gerne als das älteste bezeichnet wird, denn bereits in der Steinzeit wurden Schutzzäune, Fischreusen und Behältnisse aller Art geflochten. Heute stirbt der Beruf langsam aus. Die einzige Fachschule in Deutschland, in Lichtenfels, bildete 2019 nur einen einzigen Flechtwerkgestalter aus.

In der Familie Rippstein ist nun schon die sechste Generation mit der Korbmacherei beschäftigt. "Mein Urgroßvater ist noch mit dem Schubkarren nach Thüringen gefahren und hat dort Körbe verkauft. Dabei war sein Karren so hoch bepackt, dass er ihn wegen des fehlenden Blicks nach vorne nicht schieben konnte, sondern ziehen musste", erzählt Stefan Rippstein.

Die Sander Korbmacher, die in der Ferne von Haus zu Haus zogen, wurden "Raaser" genannt. Vor dem Rathaus in Sand erinnert das "Raaser"-Denkmal an diese Zeit. "Raaser" ist aus dem Wort Reise abgeleitet.

Stefan Rippstein weiß aus Familienerzählungen: "Jeder hat da sein eigenes Gebiet gehabt, seine eigene Suppe gekocht und sich nicht in den Topf gucken lassen."

Stefan Rippstein erlernte 1985 den Beruf des Korbmachers und siedelte den elterlichen Betrieb 2005 von der Ortsmitte hinaus in die Flur um. Über den Schritt ist er heute noch sehr froh. "In der neuen Werkstatt mit Ausstellungsräumen kann ich natürlich meinen Beruf und auch unsere Produkte viel besser präsentieren. Hier mache ich auch Führungen und biete Kurse an und es kommen sogar Kunden aus München oder Würzburg. Damit bekommen meine Besucher auch einen ganz anderen Bezug zu meinem Beruf und dem Wert aus Weide gefertigter Produkte." Gleichzeitig bedauert er, dass man als Flechtwerkgestalter nicht immer den Preis erzielen könne, den die investierte Arbeit und die Zeit verlangten.

Während des Interviews flicht der 51-Jährige weiterhin munter an einem neuen Wäschekorb. "Körbe oder Körbchen hat es schon seit jeher gegeben. Kennst du nicht die Geschichte von Moses, dessen Mutter ihn in ein kleines Binsenkörbchen legte? Wie wichtig mein Handwerk ist, beweisen auch Ausdrücke wie der Hahn im Korb sein. Das geht sogar bis zu den Frauen mit ihrer Körbchengröße", schildert er.

Beim Flechten des Wäschekorbs steht ein Eimer mit Wasser in Reichweite - aber natürlich nicht zum Trinken. "Der Eimer steht da, damit die Weide gut glitschen kann." Immer wieder taucht er zwischen den Flechtbewegungen seine Hand ins Wasser, "denn ohne Wasser wächst die Weide nicht und ohne Wasser lässt sie sich nicht biegen, auch nicht beim Flechten."

Der Beobachter spürt, dass die Arbeit dem Sander Spaß macht, auch wenn er deutlich sagt, dass sie körperlich sehr beansprucht. "Die Hände müssen gut funktionieren und dürfen nicht zu trocken sein. Manchmal spüre ich die Korbmacherhände nachts im Bett." Kein Wunder bei einem Arbeitstag von über zehn Stunden.

Aber gleich schiebt er nach: "Die Korbmacher sind eigentlich sehr gesunde Leute wegen des Gerbstoffes Salicin, mit dem sie mit der Weide in Berührung kommen." Heilkundige wussten schon in der Antike, dass dieser Stoff fiebersenkend, schmerzstillend und entzündungshemmend ist. Heute wird dieser Stoff auch zur synthetischen Herstellung von Aspirin verwendet."

Und gleich verrät er noch ein Geheimnis: "Die Korbmacher sind auch fruchtbar. Schon bei den Kelten und Römern wurde die Weide verehrt wegen ihrer Fruchtbarkeit. Die meisten Korbmacher haben deswegen auch drei bis fünf Kinder - ich habe vier."

Eines davon ist der 16-jährige Valentin, der gerade mit Erfolg die Realschule abschloss und ab September, natürlich zur Freude der Eltern, seine dreijährige Ausbildung an der Berufsfachschule in Lichtenfels als Korbflechtgestalter beginnen wird. Dem Jugendlichen scheint der Korbmacherberuf im wahrsten Sinne des Wortes mit in die Wiege gelegt zu sein - sicher war dies eine Wiege aus Weide, die der Vater geflochten hat.

Mutter Katja unterstreicht dies mit ihren Worten: "Schon mit den Windeln in der Hose und erst recht im Alter von zwei bis drei Jahren kam der Kleine immer wieder an den Arbeitsplatz seines Vaters, schaute ihm zu und wollte natürlich auch mit Weiden flechten."

Valentin erinnert sich gerne an seine Kindheit. "Ich bin schon immer gerne in der Werkstatt gewesen und mit fünf oder sechs Jahren habe ich die ersten Dinge und kleine Körbchen geflochten und die dann an Gäste verkauft. Das hat mir riesigen Spaß gemacht, weil ich auch Geld dafür bekam."

Er hat sich seine Berufswahl gut überlegt und mit einem Praktikum in die Metallindus-trie hineingeschnuppert. "Meist musste man hier jeden Tag das Gleiche tun, und es war längst nicht so abwechslungsreich wie in der Werkstatt zu Hause. Es ist einfach die Vielfalt, die in diesem Beruf liegt und dass man ganz unterschiedliche Sachen machen kann. Beim Korbflechten schaffst du ein eigenes Stück und hast am Schluss ein Ergebnis, bei dem du alles zu hundert Prozent selbst gemacht hast. Das ist eine schöne Befriedigung. Keine Maschine hat bisher einen solchen Korb gemacht."

Wie es aussieht, könnte das Korbmacherhandwerk in Sand durch die Familie Rippstein in die nächste Generation getragen werden. Vater Stefan ist zuversichtlich. Indes: Man zwinge den Sohn nicht dazu, aber er habe einmal den Vorteil, "dass unser Name bekannt ist. Oft rufen die Leute auf dem Markt mir zu: Komm fei nächstes Jahr wieder!" Natürlich fertigt Stefan Rippstein dort und in seiner Werkstatt nicht mehr wie früher die Stroh-, Holz- oder Heukörbe. Beliebt sind inzwischen asymmetrische Körbe und Gartendekorationen aus Weide bis hin zu Sichtschutzwänden.

Den Sander Korbmacher beunruhigen derzeit die heißen Sommer und Trockenperioden, die den Weiden nicht gut bekommen. "Wenn es so weitergeht, muss ich noch künstlich bewässern. 50 Prozent meiner Weiden ziehe ich nämlich selbst, aber ich muss die übrigen Sorten dazukaufen."

Früher habe es in den Mainauen bei Zeil viele Felder gegeben, aber die seien der damaligen Zuckerfabrik zum Opfer gefallen.

Alles in allem strahlt Stefan Rippstein Zufriedenheit über seinen Beruf aus. Er ist optimistisch und hat Träume. Deshalb steht seit zwei Jahren ein alter Mercedes 190 in seinem Hof. Mit dem möchte er auf den Berufsstand des Korbmachers aufmerksam machen - mit einem "Raaserauto" als mobiler Begegnungsstätte. "Mit meinen Körben auf dem Dachständer möchte ich jede Gemeinde im Landkreis anfahren, damit meinen Dank zum Ausdruck bringen, die Leute zu Begegnungen inspirieren. Außerdem möchte ich in ähnlicher Weise noch einmal nach Frankreich fahren, um dort die deutsch-französische Freundschaft zu bestärken."