Als 2019 die Inhalte des Heimatbuchs des ATS Wartenfels zusammengestellt wurden, war selbstverständlich ein Abschnitt über Martern, Wegkreuze und Flurkreuze mit eingeplant. Im Gebiet der Pfarrei Wartenfels stehen viele herrliche Zeugen christlichen Glaubens. Diese sollten alle erfasst, beschrieben und fotografiert werden. Allein acht Martern oder Wegkreuze befinden sich im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Reichenbach.

Doch ein allen bekanntes Wegkreuz war nicht auffindbar. Zu diesem existiere folgende Beschreibung: "Gehen wir vom Ort Reichenbach aus zu den 800 m entfernten Häusern vom Weiler Haid (1972 in die Gemeinde Reichenbach eingemeindet, zuvor Geuser und Wallenfels), dann zweigt dort in westlicher Richtung eine Fuhre ab, die im Wald bergab führt. Nach ca. 600 m steht rechts am Weg in einer Kurve im Staatswald ein 360 cm hohes Holzkreuz. Dieses ist mit einem breiten Satteldach abgedeckt. Die drachenförmige Verkleidung ist verziert. Die bunt bemalte, geschnitzte Figur von Christus ist 160 cm groß."

Nach der Beschreibung durfte es eigentlich nicht zu übersehen sein. Eine Frau aus Haid erklärte der Verfasser dieser Zeilen, er solle bei der Firma Müller-Zeiner in Wallenfels nachfragen. Da müsse ein Zusammenhang bestehen. Die Lösung: Margit Maier und Rita Hammer, die Töchter des Unternehmers Hans Müller-Zeiner, der wie seine Frau Gerti 2017 verstorben war, ließen das mächtige Wegkreuz abnehmen, um es komplett restaurieren zu lassen. Nach über eineinhalb Jahren steht dieses besondere Wegkreuz wieder an seinem angestammten Platz ziemlich genau auf der Grenze der Gemeinden Presseck und Wallenfels.

Erinnerung an ein Unglück

Dieses Kreuz, seit 1852 im Besitz der Familie Müller-Zeiner, wurde von deren Ahnen errichtet. An dieser Stelle soll ein Familienangehöriger verunglückt sein, als Erinnerung und Hinweis auf die dortige Gefahrenstelle hat man dieses Zeugnis christlichen Glaubens anbringen lassen.

Die Familie investiert seit Jahrzehnten Zeit und Mittel, um das Kruzifix immer wieder erneuern zu lassen, was sehr begrüßenswert ist, denn es ist einmalig in seiner Darstellung. Bei der Bevölkerung heißt diese Darstellung liebevoll "Göttliche Hilf". Früher gingen Wallfahrer von Wallenfels über Reichenbach nach Marienweiher und hielten vor dem Kreuz immer kurz zur ersten Andacht, denn die Höhe des Frankenwaldes war erklommen. Auch für viele Frankenwaldwanderer ist diese Stelle ein geschätzter Besinnungsort.

Der ehemalige Kreisheimatpfleger Roland Graf aus Kronach, als "der Bewahrer der Martern" bekannt, beschreibt in einem Buch die "Göttlich Hilf" als "einmaliges Kleinod von höchster volkskundlicher Bedeutung an der östlichen Grenze des Landkreises Kronach". Es handelt sich dabei um eine fast lebensgroße "Volto-Santo-Darstellung", die für den gesamten nordbayerischen Raum "eine absolute Seltenheit in ihrer Funktion als Flurdenkmal darstellt".

Einmalig im deutschen Raum ist diese Darstellung von Christus als Flurdenkmal. Er steht am Kreuz auf einem Konsol. Die Arme sind waagerecht am Querbalken ausgebreitet, durch die Hände und Füße sind Nägel geschlagen. Christus trägt ein blaues Kleid mit Sternen, das bis zu den Füßen reicht und um die Hüfte mit einem schmalen Tuch zusammengehalten wird. Christus blickt geradeaus und trägt eine Krone (Christ-König). Das Kruzifix stellt den gekrönten, in eine gegürtete Tunika gekleideten Heiland nicht leidend dar, sondern als Triumphator mit langem Bart, offenen Augen und aufrecht vor dem Kreuz stehend, fast schwebend und das lange eindrucksvolle Gesicht strahlt Würde aus.

Viele freiwillige Helfer

Die fachgerechte Restaurierung des Corpus erfolgte in Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durch das Atelier Zenkel-Schirmer in Kronach, das ihr Werk mit viel Einfühlungsvermögen und Empathie gestaltete.

Nachdem man auch größere Schäden an der Kreuz- und Dachkonstruktion feststellte, wurde durch zahlreiche Stunden "zu Ehren Gottes" von Wallenfelser Helfern die detailgetreue Rekonstruktion des gesamten Tragkreuzes mit Kupferbedachung angefertigt. Ein Helfer aus Geuser stellte dafür Halle und Maschinen zur Verfügung und unterstützte mit seinem Forstgerät die Aufstellung des über 500 Kilogramm schweren Kreuzes.

Der Dank der Erben galt neben den zahlreichen Helfern auch den örtlichen Sägewerken, die durch Holzspenden ihre Wertschätzung für die "Göttlich Hilf" zeigten, sowie dem Wallenfelser Ortsheimatpfleger Franz Behrschmidt.

In einer feierlichen, internen Weiheandacht unter Corona-Auflagen mit Pfarrer i. R. Helmut Spindler wurde auf die besondere Bedeutung von Weg- und Flurkreuzen auch in der heutigen Zeit hingewiesen.

Franz Behrschmidt erläuterte die außerordentliche und überregionale Bedeutung dieses kostbaren Schatzes und gab den Dank der Erbenfamilien über die vielfältige Unterstützung im Zuge der Restaurierung an alle Beteiligten weiter. Behrschmidt vereinbarte, jedes Jahr am letzten Freitag im Mai eine Andacht zu zelebrieren.

Wenn nun Wanderer diese Stelle betreten, werden sie sicher diese Atmosphäre spüren, die diese einmalige göttliche Darstellung ausstrahlt. Siegfried Sesselmann