W ir wissen es nicht, ob sie heimlich durchs Fenster spitzten, oder an der Haustüre Sturm läuteten? Auf jeden Fall haben sich die Mitglieder des Eberner Bauausschusses und Stadtteilvertreter unbezahlbare Verdienste erworben, als sie sich mit hoheitlichem Auftrag ausgestattet und von ehrenwerten Absichten getrieben aufmachten, nachzuschauen, in welchen Häusern sich noch menschliches Leben regt. Unterwegs im Auftrag eines Managers, der ihre sorgsam gesammelten Daten noch sorgsamer und akribisch sammelt und in Karten einzeichnet, auf dass sie von einem Kompetenzteam in irgend einem Kompetenzzentrum (dem Gegenstück zum Kompetenzgerangel) im fernen Haßfurt in eine Datenbank eingetragen werden, damit alle leer stehenden Häuser in diesem Landkreis zusammengetragen und über einen Server gemeinsam vermarktet werden. Auf dass potente Surfer am Gardasee und der Waikiki-Beach bei der Suche nach günstigem Wohnraum schnell fündig werden. Damit die stets up-to-date sind, wurden unsere Stadträte drüber hinaus vom Bürgermeister zu Leerstands-Lotsen ernannt, auf dass sie sorgsam darüber wachen, wer sein Haus für immer verlässt oder wer gar wiederkehret. Erkennbar sind diese Leerstands-Lotsen, die zweite Spezies dieser Art, die nach dem Ehrenamts-Lotsen (der soll an Landratsämtern Vereine wie die Bamberger Bootsgesellschaft oder die Hainbachsee-Fischer bei der Vorbereitungen ihrer Fest helfen, auf dass sie sich nicht in den Paragrafen verheddern), von einem findigen Beamten eines Münchner Ministeriums ersonnen wurden,ob des maritimen Wortstammes an ihren Marine-Käppies mit aufgedruckter Widmung des Heimatministers.
Die Arbeit dieser Lauscher an den Wänden spielt einem schicksals-schwangerem Vorgang staatlicher Planungen in die Hände: Denn dem so genannten Leerstandsmanagement folgt der Vitalitäts-Check für Dörfer, wie Bürgermeister Hennemann jetzt ankündigte. Ein Behörden(willkür?)akt, der als künftige Richtschnur bei der Vergabe von Zuschüssen an Dörfer dient, oder gar über die Durchführung einer Dorferneuerung entscheidet.
Was aber, wenn der Vitalitäts-Check eines Dorfes negativ ausfällt? Wenn der Daumen nach unten zeigt, da die Zahl der Rollatoren die der Kinderroller übertrifft? Wird dieses Dorf aufgegeben, gar geschliffen, von der Außenwelt abgeschnitten, die Stromversorgung gekappt?
Oder naht ein Beamter aus dem fernen Würzburg, aus dem Amt für ländliche Entwicklung, der stimmgewaltig durch die Hauptstraße schwadroniert und ruft: "Ist noch jemand da?"
/>Was, wenn sich hinter vergilbten Vorhängen noch menschliche Schemen abzeichnen, oder gar ein Fenster öffnet? Diese Anwesen werden dann gezielt unter Beschuss genommen, ein Papierkrieg entfacht. Sie werden so lange mit Umfragen, gewürzt mit Behördendeutsch und Anglizismen, und Anträgen überhäuft und zugemüllt, bis jegliches Leben darin erstickt und sich keine Hand mehr rührt, den nächsten Behördenschrieb aus dem Briefkasten zu holen. Die Gefahr ist gebannt, die Landflucht gestoppt, weil keiner mehr da. Die Bürokratie hat obsiegt. Dank Vitalitäts-Check kriegen wir noch jedes Dorf tot.