Da gab es zum Beispiel Drei-M-Puppen. Drei M bildeten das Markenzeichen der Firma Martha Mahr Mönchröden, gegründet 1921. Bei 3M wurde Ende der 1950er Jahre die "Bild-Lilli" fertiggestellt. Hergestellt wurde sie in Neustadt bei der Firma Hausser, in Mönchröden zusammengesetzt, bemalt und eingekleidet.

Die Bild-Lilli war schnell Geschichte, weil der amerikanische Hersteller Mattell die Barbie-Puppe auf den (weltweiten) Markt brachte. Dass die Lilli Vorbild für die Barbie war, gilt freilich als unbestritten. Und in Mönchröden kreierten sie bei Drei M eine neue Puppe: Schwabinchen, wie die Lilli einer Zeitungs-Comicfigur nachempfunden und insgesamt der Lilli recht ähnlich.

Es sind Geschichten wie diese, die Christine Spiller sammelt und weiterhin sammeln will. Denn die Puppen aus Mönchröden seien bislang zu wenig beachtet worden, meint die Leiterin des Coburger Puppenmuseums. Und vieles ist nicht dokumentiert. Zwar saßen (und sitzen) namhafte Hersteller in Mönchröden, aber gefertigt wird dort kaum mehr. Viele der Namen, die früher den Rödentaler Stadtteil prägten, sind verschwunden: Hans Völk (gegründet 1922) belieferte andere mit Puppen-Rohlingen, darunter Wilhelm Trachtenpuppen, gegründet 1910. Völk gab 2003 auf, Wilhelm 2001. Wann genau Drei M den Betrieb einstellte, hat Christine Spiller noch nicht mit Sicherheit herausgefunden - irgendwann zwischen 1978 und 1980. 2006 wurde die Firma aus dem Handelsregister gelöscht. 1971 noch hatte die Firma über 1000 Mitarbeiter und 50 Heimarbeiterinnen beschäftigt.

Zugleich älteste und jüngste Firma

Die älteste Puppenfirma war die von Edmund Knoch, 1896 gegründet. 1976 pachtete Hartmut Engel den Betrieb und übernahm ihn 1979 ganz. Die früheren Fabrikräume beherbergen nun eine Behindertenwerkstatt. Die Firma Engel-Puppen gibt es zwar noch, aber Inhaber Markus Engel ist inzwischen der einzige Mitarbeiter und produziert nur noch für kleinere Aufträge, sagt Christine Spiller. Immerhin: Auf diese Art ist Engel-Puppen gleichzeitig die älteste und jüngste Puppenfirma in Mönchröden.

Zapf und Götz sitzen weiterhin in Rödental, lassen aber im Ausland fertigen. Zapf ist bei den Funktionspuppen mit Baby Born einer der Marktführer, Götz hat den Schwerpunkt auf hochwertige Spielpuppen und Sammlerpuppen gelegt. Und dann gibt es da noch die Goebel-Puppen: Der Porzellanhersteller lieferte Köpfe und Teile für Porzellan- und Teepuppen, hatte aber auch Spielpuppen, Figuren der Mainzelmännchen und Hummelpuppen aus Kunststoff im Angebot. Goebel hatte nämlich als erster einen Rotationsofen in Betrieb, der die Puppenherstellung aus Kunststoff möglich machte - und damit die Erfolgsgeschichte der Rödentaler Hersteller, sagt Christine Spiller.

Kunststoff war viel strapazierfähiger als Celluloid oder Pappmaché. Das ermöglichte auch neue Techniken und Patente: Die Bild-Lilli hatte zum Beispiel spezielle Hüftgelenke, die es erlaubten, dass sie in sitzender Stellung die Beine züchtig parallel hielt - und nicht gespreizt wie normale Spielpuppen.

1960 gab es in Mönchröden 27 Betriebe, die mit der Puppenherstellung zu tun hatten, bei 2514 Einwohnern. Christine Spiller vermutet, dass der Anschluss des Coburger Lands an Bayern und die Weltwirtschaftskrise einige der Gründungen zwischen 1921 und 1932 ausgelöst haben könnten. Bis zum Zweiten Weltkrieg lieferten viele Hersteller im Coburger Land ihre Produkte für den Export an die Sonneberger Verleger. Dieser Vertriebsweg wurde mit der deutschen Teilung 1949 gekappt. Das Coburger Land musste sich notgedrungen nach Süden orientieren; die Nürnberger Spielwarenmesse war nun der neue Fixpunkt.

Know-how ging verloren

Mönchröden bezeichnete sich als "bayerisches Puppendorf". Diesen Namen habe Brigitte Zapf erfunden, sagt Rödentals Altbürgermeister Gerhard Preß. Bei ihm, Kreisheimatpflegerin Ingrid Ott, Markus Engel, Willy Zapf und weiteren Zeitzeugen hat Christine Spiller bereits nach Erinnerungen und Material gesucht. Preß hat in seiner Zeit als Bürgermeister viele Puppen an Gäste verschenkt - meist an die Ehefrauen von Politikern. Ein Besuch in einer der Puppenfabriken gehörte fast standardmäßig zum offiziellen Programm.

Puppenherstellung war großenteils Frauenarbeit, sagt Ingrid Ott. Dass die Frauen in ihren Mittagspausen nach Hause eilten, um das Essen für ihre Kinder zu machen, habe mittags zum Straßenbild gehört. Doch obwohl Frauen schlechter bezahlt wurden als Männer - im Ausland war die Puppenfertigung noch billiger, sagt Thomas Eichhorn, Geschäftsführer bei Zapf Creation. Aber vielleicht ändert sich künftig etwas: Frachtkosten steigen, die Kunden wollen Qualität und vermehrt faire Herstellungsbedingungen, sagt Coburgs IHK-Präsident Friedrich Herdan. Die fränkischen Hersteller haben sich jedenfalls schon zur Vereinigung "Fair Toys" zusammengeschlossen, berichtet Eichhorn.

Corona hat den heimischen Spielzeugherstellern zumindest nicht geschadet. Das sagen neben Thomas Eichhorn auch Anke Götz-Beyer (Götz) und Stephan Biemann (Schildkröt, mit Sitz in Rauen-stein). "Wir produzieren in Deutschland", sagt Biemann - und fürchtet für die Zukunft einen Fachkräftemangel. Denn die Puppenmacher von einst sind längst in Rente. Mit den Fabrikschließungen sei Know-how verloren gegangen, sagt auch Thomas Eichhorn. Deshalb unterstütze er nicht nur die Bestrebungen des Puppenmuseums, die Geschichte der Mönchrödener Puppen zu dokumentieren. Auch der Idee von Ingrid Ott, die Puppenherstellung in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufzunehmen, stehe er offen gegenüber.