Etwas "nicht Erfreuliches" wollte Bürgermeister Christian Ruppert (CSU) unbedingt im öffentlichen Teil der jüngsten Gemeinderatssitzung ansprechen. "Die Diakonie geht" sagte er zu dem Ärgernis, das die Zentrale Diakoniestation (ZDS) in Münchberg per Brief den Mietvertrag mit dem Markt für das Alte Rathaus zum 30. Juni gekündigt hat und damit die Diakoniestation in Presseck schließen will.

Die Kommune sei der ZDS immer entgegengekommen, um eine Diakoniestation im Ort sicherzustellen, so Ruppert. "Wir haben das Alte Rathaus vor fünf Jahren extra und in Absprache mit der Diakonie saniert. Auch mit der Anlage von Parkplätzen gleich gegenüber haben wir an die Bedürfnisse der Pflegerinnen gedacht - jetzt soll die ambulante Pflege nur noch von der Station Helmbrechts aus bewerkstelligt werden, oder gibt es die inzwischen auch nicht mehr?", machte er seinem Ärger Luft.

Häufiger Personalwechsel

Der Bürgermeister sorgt sich nun um die ambulante Pflege im Oberland überhaupt. Dass es in der Pflege allgemein zu wenig Personal gibt, sei bekannt, erkennt er an. Allerdings habe man auch beobachten können, dass bei der Diakonie das Personal besonders oft wechselt. "Wenn es schon zu wenig Personal gibt, dann muss man sich halt auch um die Leute kümmern," merkte Ruppert dazu an. "Bei der privaten Pflegeeinrichtung von Heike Köhler in Presseck funktioniert es doch auch."

Wenn man die eigenen Leute aber nicht gut behandle, dann dürfe man sich nicht wundern, wenn sie weglaufen, deutete der Bürgermeister entsprechende Gerüchte an - dies auch aus eigener Erfahrung aus Gesprächen mit der ZDS-Leitung. Gespräche, um die er gebeten habe, hätten einfach nicht stattgefunden, klagte Ruppert. Man werde nur vor vollendete Tatsachen gestellt: Die Kündigung kam per Post.

Von "Misswirtschaft" sprach Zweiter Bürgermeister Ludwig Ruml. Diese habe auch die Bemühungen des Diakonievereins Grafengehaig-Presseck unterminiert. "Die Misswirtschaft ging von Münchberg aus", präzisierte Christian Ruppert die Anmerkung seines Stellvertreters. "Die ZDS hat in den letzten fünf bis sechs Jahren alles an die Wand gefahren."

Auch Pfarrerin Heidrun Hemme, die Vorsitzende des Diakonievereins Grafengehaig-Presseck, ist "unglücklich mit der Art und Weise der Kommunikation, die - von der Diakonie Hochfranken ausgehend - sehr unbefriedigend ist und uns jetzt bereits mehrfach vor unbesprochene und dann vollendete Tatsachen gestellt hat". Gleichzeitig zeigt sie aber Verständnis für die Münchberger Entscheidung, denn "leider ist es so, dass es die allgemeine Situation bezüglich der Verfügbarkeit von Pflegepersonal notwendig macht, den Einsatz der Schwestern von Helm­brechts aus zu organisieren."

Dennoch will Hemme nicht schwarz sehen. "Wir hatten zwar die Hoffnung, dass das Haus in Presseck weiterhin ein Stützpunkt in der Arbeit hätte sein können, sind aber trotzdem überzeugt, dass auch die Patienten im Bereich der Gemeinde Presseck und der Gemeinde Grafengehaig samt ihren Ortsteilen im Oberland künftig gut von den Diakonie-Schwestern versorgt werden können," sagt sie, denn jetzt gehe es "wirklich nur um das Gebäude".

17 000 Euro investiert

Trotzdem hat der Diakonieverein zumindest einen materiellen Verlust. Damit die Station in Presseck blieb, hatte man aus eigenen Mitteln 17 000 Euro zur Neuausstattung der Station beigetragen, als die Gemeinde das Alte Rathaus 2016 für 190 000 Euro grundlegend sanierte.

Von jeher war, nicht nur in Presseck, Altenpflege eine Aufgabe der evangelischen Kirche - insbesondere eine der Diakonissen aus Puschendorf, bis sich diese mangels Nachwuchs zurückgezogen. Deshalb hatte der Diakonieverein Grafengehaig/Presseck/Enchenreuth in den 1980er Jahren mit eigenen Mitarbeiterinnen die Aufgabe für die gesamte Oberland-Region einschließlich Helmbrechts selbst in die Hand genommen. 2010 waren sieben Pflege- und Hilfskräfte und ein Angestellter für die Verwaltung zur Betreuung von 27 Patienten beim Diakonieverein beschäftigt. Angesichts eines Haushaltsplans über 250 000 Euro war man sich im Verein einig, dass ein ehrenamtlicher Vorstand nicht mehr persönlich haften könne. Deshalb suchte man einen starken Partner.

Fusion mit Kulmbach klappte nicht

Die Fusion mit dem Zentralen Diakonieverein Münchberg wurde 2011 beschlossen, nachdem alle Bemühungen, sich der Diakonie Kulmbach anzuschließen, gescheitert waren, Münchberg sich dagegen für eine Fusion bereiterklärt hatte.

Ein weiterer Vorteil des Beitritts zur Diakonie Hochfranken mit der ZDS in Münchberg lag aus Pressecker Sicht im Bereich des Rechnungswesens. Alles sollte nun professionell mit einem Geschäftsführer erledigt werden und nicht mehr auf rein ehrenamtlicher Basis mit angestellten Pflegekräften. Dafür überweist der Pressecker Verein seither auch jährlich einen beträchtlichen Förderbeitrag nach Münchberg.

Diesen Beschluss trug auch der Helmbrechtser Bürgermeister Stefan Pöhlmann mit. Mit der Fusion sah auch er die Altenpflege in seinem Bereich gesichert, die bis dahin durch den Pressecker Diakonieverein mit damals 306 Mitgliedern besorgt wurde. Bereits 140 bis 150 Pflegebedürftige wurden über Presseck dann 2019 von 17 Pflegerinnen und sechs Hauswirtschafterinnen versorgt. Spätestens um diese Zeit zeichnete sich aber im Diakonie-Verbund ein akuter Notstand an Personal deutlich ab. Man könne Personalausfälle im weiten Verbund zwischen Münchberg und Presseck zwar kompensieren, dennoch müssten Pflegeanfragen auch schon ablehnt werden, beschrieb die damalige Pflegedienstleiterin der ZDS in Münchberg, Elke Spindler, die Situation in der Mitgliederversammlung des Diakonievereins.

Die Schließung des Stützpunkts in Presseck zum 30. Juni hat laut ZDS zwar keinen Einfluss auf die ambulante Pflege. Doch bereits vor zwei Jahren hatte die Diakonie ohne Vorankündigung ihre Dienst-Autos aus Presseck abgezogen. Das hatte Gemeinderat Gerd Leinfelder (SPD) zu einer Dringlichkeitsanfrage an den Gemeinderat veranlasst. Er wollte erfahren, ob die Station in Presseck denn nun geschlossen werden soll. Damals hatte Geschäftsführer Oliver Münchberger definitiv erklärt: "Die Veränderungen bringen keinerlei Nachteile für die Patienten mit sich, die wir betreuen. Wir beabsichtigen nicht, die Geschäftsstelle in Presseck zu schließen. Wir haben das Gebäude angemietet und das bleibt auch erhalten."

Die Dienst-Autos würden nun in Helmbrechts stationiert, da dort genügend Personal vorhanden sei, die Touren auch "passen" und wirtschaftlich bleiben müssen. Die Diakonie arbeite zwar nicht mit Gewinnabsicht. Allerdings müsse sie so viel Geld verdienen, dass sie die Mitarbeiter und alles, was sonst für die ambulante Pflege gebraucht wird, auch bezahlen könne.

Auch Seniorenheim geschlossen

Ebenfalls kurzfristig schließt die Diakonie nun auch ihr Alten- und Pflegeheim in Münchberg zum 1. Juli. 44 Bewohner müssen sich eine neue Bleibe suchen. Das Heim sei zu klein, um wirtschaftlich betrieben werden zu können, erklärt die ZDS dazu. Die ambulante Pflege sei davon aber nicht betroffen.

Dennoch bleibt man in Presseck skeptisch, weil die Zentrale in Münchberg nach bisheriger Erfahrung weitreichende Änderungen ad hoc und ohne notwendige Erörterung mit Betroffenen trifft. Das bemängeln sowohl Bürgermeister Ruppert als auch Pfarrerin Hemme. Denn für sie bleibt die Sorge: "Ist die ambulante Pflege im Oberland nun gesichert, oder zieht sich die Diakonie - egal ob aus wirtschaftlichen oder personellen Gründen - Stück für Stück ganz zurück?"

Gerne hätten wir von der ZSD eine Auskunft über den Sinneswandel erhalten. Eine Anfrage vom Dienstag vergangener Woche blieb jedoch - leider - unbeantwortet.