"Ich komme aus Irak." Michael Kübert ist noch nicht ganz zufrieden. "Ich komme aus dem Irak", korrigiert er. Immer wieder geht der frühere Konrektor der Münnerstädter Mittelschule dazwischen. "In ganzen Sätzen, bitte", fordert er seine Schülerinnen und Schüler auf und lacht dabei. Man spürt, dass es ihm richtig Spaß macht und den Lernenden auch. Geduldig wiederholt er zum fünften Mal, dass es "Hundert" auf Deutsch heißt und dass "Hundred" Englisch ist. Zahlen, Wochentage und Eigenschaftswörter stehen heute auf dem Lehrplan der Anfänger-Gruppe. Der Leistungsstand ist höchst unterschiedlich. Michael Kübert geht individuell darauf ein.

Ein Stockwerk tiefer kümmert sich Bärbel Fürst um die Fortgeschrittenen. Die frühere Diplom-Handelslehrerin möchte ihren Schützlingen ebenfalls die Adjektive näher bringen und zeigt Geschirr in den verschiedensten Farben. Den halben Hausrat hat sie mitgebracht. Sie teilt Lehrmaterialien aus und gibt ein Blatt als Hausaufgaben mit. Kontrolliert werden die ebenso wenig, wie es Noten gibt. Das ist auch nicht nötig. Wer in das evangelische Gemeindezentrum zum Unterricht kommt, will Deutsch lernen, auch wenn die Vorkenntnisse sehr unterschiedlich sind.

Idee kam vom Kirchenvorstand

Schon einmal hatte es im Gemeindezentrum Deutschunterricht für die Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft in der Bergstraße gegeben, der dann aber vor Ort gehalten wurde. Im Rahmen der 1. interkulturellen Woche brachte der Kirchenvorstand, allen voran Harry Koch, die Idee ein, den Deutschunterricht im Gemeindezentrum wieder aufleben zu lassen, sagt der evangelische Stadtpfarrer Martin Hild, der das Gemeindezentrum Auferstehungskirche sehr gerne dafür zur Verfügung stellt. Er findet den Kontakt zu den Flüchtlingen sehr wichtig.

Die Münnerstädterin Sue Beul, die den Deutschunterricht seit geraumer Zeit unterstützt, war gleich mit im Boot, und Bärbel Fürst heuerte Michael Kübert an. Beim Boule-Spielen im Jörgentorpark hatte sie ihn gefragt, und er sagte sofort zu. Jutta Ort von der Caritas-Flüchtlingshilfe engagierte sich, und Duran Yldiz von der Freikirche hat die Organisation übernommen. Er hat Kontakte zu verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften und spornt die Bewohner an. Heute wollte ein Schüler nicht kommen, weil er Besuch von seiner Familien bekommen hat. "Bring deinen Besuch doch einfach mit", sagte er dazu.

"Mir liegen die Leute sehr am Herzen", betont Duran Yldiz. Er wünscht sich, dass der Unterricht von Bärbel Fürst und Michael Kübert noch mehr Früchte bringt. Wenn die Asylbewerber alleine in der Gemeinschaftsunterkunft hocken und sich nicht beschäftigen können, steigt die Aggressivität, ist er überzeugt. Deshalb findet er den Deutschunterricht auch so wichtig. "Diese Menschen müssen die Sprache und die Kultur verstehen. Das ist unser Ziel."

Leicht ist das auch für Bärbel Fürst und Michael Kübert nicht, die immer wieder einmal von Claudia Koch und Dietmar Wohlfromm vertreten werden. Nach einer gewissen Zeit bekommen Flüchtlinge einen Deutschkurs angeboten, sagt Michael Kübert. "Doch danach sitzen sie in der Gemeinschaftsunterkunft, haben keine Arbeit und vergessen alles wieder." An diese Menschen richten sich die Kurse im Gemeindezentrum und an die, die gerade angekommen sind und noch gar nicht Deutsch sprechen. "Jeder hat hier die Möglichkeit, Deutsch zu lernen oder seine Kenntnisse aufzubessern", sagt Michal Kübert.

Mit den Anfängern hat er es teilweise besonders schwer, weil nicht wenige Analphabeten sind. "Ich fange mit dem ABC an", sagt er. Manche können vier Sprachen sprechen, aber kein einziges Wort schreiben, und wieder andere können zwar die arabische und ähnliche Schriften, die von rechts nach links geschrieben und gelesen werden, kennen aber das lateinische Alphabet nicht. Zweimal in der Woche gibt er für eineinhalb Stunden Unterricht. Im September hat der Kurs begonnen. Viele Ehepaare beginnen gemeinsam, aber nach einer Weile erscheinen nur noch die Frauen, hat Michael Kübert festgestellt. Diejenigen, die am Ball bleiben, machen schnell Fortschritte, wie sich inzwischen zeigt.

Bärbel Fürst bietet den Unterricht für die Fortgeschrittenen einmal pro Woche an. Diesmal ist ein neuer Schüler gekommen, der gleich mit den notwendigen Arbeitsmaterialien versorgt wird. Duran Yldiz sammelt bei Gottesdiensten Geld, damit die ehrenamtlichen Lehrer wenigstens die Arbeitsmaterialien kaufen können. Besonders freut sich Bärbel Fürst, wenn Nadim Sukarie beim Unterricht vorbei schaut. Der aus Syrien stammende Nadim hat unter anderem beim Kellnern im Altstadtcafé seine Deutschkenntnisse verbessert und ist inzwischen Busfahrer geworden, so wie er es sich gewünscht hatte. Er sei ein schönes Beispiel für die anderen, was man erreichen kann, wenn man die deutsche Sprache beherrscht, sagt Bärbel Fürst.