Andreas Lösch

Auch wenn er sich in den vergangenen Tagen deutlicher bemerkbar gemacht hat: Der Winter ließ dieses Jahr lange auf sich warten. Der November war nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes der wärmste in Deutschland seit Beginn regelmäßiger Aufzeichnungen im Jahr 1881.
An der Wetterstation Köslau (Stadt Königsberg) der Agrarmeteorologie Bayern wurde ein Mittelwert von 6,9 Grad Celsius gemessen (3,6 Grad im vieljährigen Mittel). Die höchste Temperatur wurde am 8. November mit 16,5 Grad erreicht, am kältesten war es am 27. November mit minus 3,6 Grad. In der Summe betrug die Sonnenscheindauer im Kreis Haßberge 80 Stunden, das sind 42 Stunden mehr, als es ein durchschnittlicher November so hergibt.
Auch der Dezember hat mit milden Temperaturen aufgetrumpft (Maximum: 11,9 Grad), erst in den vergangenen Tagen orientierten sich die Anzeigen der Thermometer beständiger in Richtung Gefrierpunkt. Das bot der Natur genügend Zeit, ein wenig verrückt zu spielen: Blumen und Bäume blühten, Bienen flogen aus, einige Zugvögel verzichteten auf die weite Reise in den Süden. Ist das nun gut oder schlecht? Wie immer, natürlich, Ansichtssache.


Schädlinge im Vorteil

Stefan Hümpfner etwa, Imker aus Zeil, weiß noch nicht so recht, was er von diesem Winter in Frühlingslaune halten soll. Sonnenschein und Wärme sind ja prinzipiell zu begrüßen, aber was seine Bienenvölker betrifft, bewertet er die milden Temperaturen als "eher negativ". Seine Insekten sind bis zum 26. Dezember (danach gab es dann den Temperatureinbruch) geflogen. "Das kenne ich so nicht als Imker. Es ist für mich etwas neu", sagt er und schmunzelt. Hümpfner ist seit 1989 in der Bienenzucht. Dass seine Tiere jetzt ausflogen und Pollen sammelten, sei dabei nicht das Problem.
Die Aktivität an sich schade den Bienen nicht, extra Honig springt dabei allerdings nicht heraus, dafür ist das Angebot in der Natur dann doch zu knapp. Es ist eher "eine Beschäftigungstherapie" für die Bienen, sagt der Imker und lacht. Negativ an der ganzen Sache sei, dass es die Bekämpfung der Varroamilbe schwierig mache. Die Milbe ist der wohl schlimmste Feind der hiesigen Bienenvölker, ohne Eingreifen der Imker durch Behandlung des Stocks etwa mit Ameisen-, Oksal-, oder Milchsäure wären die Insekten einer tödlichen Gefahr ausgesetzt. Jedoch, so erklärt Hümpfner, ist die Säurebehandlung der Stöcke nur effektiv, wenn das Bienenvolk die Brut eingestellt hat, was im Winter üblich ist.
Wegen der hohen Temperaturen war das aber nicht der Fall, die Insekten sind auch in dieser Hinsicht noch aktiv. In den versiegelten (und damit auch vor der Behandlung geschützten) Brutwaben wird laut Hümpfner ein deutlich höherer Anteil der Varroamilben überleben. Bei über 90 Prozent liege die Erfolgsquote der Ausrottung der Milbe in brutfreien Völkern. Im jetzigen Zustand schätzt der Imker die Erfolgsaussichten auf "60 bis 70 Prozent". Das könnte im kommenden Jahr zu Schwierigkeiten führen, die Milben befinden sich also in aussichtsreicher Position.
Schädlinge profitieren demnach von den milden Temperaturen, das erklärt auch der Biologe und Dendrologe (Dendrologie ist die Lehre von den Bäumen und Gehölzen ) Reiner Gerber aus Haßfurt. "Die Klimaveränderung begünstigt das Überleben der Schädlinge", sagt er. So nehme etwa die Kraut- und Knollenfäule an Kartoffeln und Tomaten zu. Auch könnte es vermehrt zu Käferbefall an Bäumen kommen, so finde etwa der aus Asien durch den globalen Handel eingeschleppte Laubholzbockkäfer beim aktuellen Klima hervorragende Bedingungen vor, weshalb er sich gut und schnell vermehren kann. Der Holzschädling könnte großen Schaden in der Holzwirtschaft anrichten: Er wird als Quarantäneschaderreger eingestuft, ein von ihm befallener Baum würde gefällt werden müssen sowie alle weiteren Bäume im Umkreis von etwa 500 Metern, erklärt Dendrologe Gerber. Der Käfer "ist schon bei uns angekommen".


Ressourcen eingesetzt

Für die Bäume insgesamt sind allein die höheren Temperaturen im Winter derzeit kein größeres Problem, erläutert der Biologe weiter. Zwar hätten einige Bäume erneut Knospen gebildet oder seien in die Blüte gegangen, größeren Schaden tragen aber nur die wenigsten davon. In der Regel werden die Bäume im Frühjahr einfach erneut Knospen bilden, vermutlich kleinere, weil sie die vergangenen Wochen einige Ressourcen bereits verwendet haben.
Dass deswegen massenweise Bäume absterben, sei aber nicht zu befürchten. Auf lange Sicht über mehrere Jahrhunderte könne die Klimaveränderung dazu führen, dass andere Baumarten dominant werden. Trockenes Klima etwa liefert der Elsbeere, der Kirsche und der Eiche Vorteile, die Buche dagegen hätte auf lange Sicht nichts davon.
Momentan eher unbesorgt sind die Landwirte in Hinblick auf den milden Winter: "So ähnlich hatten wir es letztes Jahr ja auch schon", sagt Klaus Merkel, der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes. Wintergetreide und Raps gehe es derzeit gut, allein eine abrupte Temperaturveränderung von warm zu sehr kalt könnte den Pflanzen schaden. Das ist jedoch nicht geschehen, die Temperaturen fielen nur langsam.