Ohne Alkohol ist er friedlich. Zurückhaltend, höflich tritt er auch gestern vor Gericht auf. Nichts, was auf einen üblen Schläger schließen lassen würde. Ein junger Mann, der beruflich etwas auf dem Kasten hat und sich um seine kleine Familie kümmert.

Doch wenn er trinkt, wird er aggressiv und gewalttätig. Deswegen ist er schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraden - jetzt zum neunten Mal. "Die Sauferei ist das Kernproblem und begleitet Sie schon Ihr halbes Leben", stellte Richterin Andrea Deyerling fest. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung in drei Fällen und Sachbeschädigung saß der Mann bereits zum dritten Mal auf der Anklagebank. Zunächst hatte ihn das Amtsgericht Kulmbach zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt. Ein Urteil, das in der Berufung beim Landgericht Bayreuth bestätigt wurde. Doch das Bayerische Oberste Landesgericht hob es in der Revision auf. Denn es sei zu prüfen, ob der Angeklagte in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden müsse. Der Fall wurde an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Bierfest trotz Verbot

Der Sachverhalt war unstrittig und wurde auch vom Angeklagten eingeräumt. Es passierte vor zwei Jahren nach einem Besuch der Kulmbacher Bierwoche. Dort hätte sich der Mann gar nicht aufhalten dürfen. Denn für ihn galt ein Alkoholverbot - eine Abstinenzweisung als Bewährungsauflage. Daran hielt er sich nicht und trank mehrere Maß Bier. Mit dabei war seine damalige Freundin.

Das Paar ging gemeinsam nach Hause. Als der Mann seinen Rausch ausschlief, checkte sie sein Handy und entdeckte Urlaubsbilder mit einer anderen Frau. Die Freundin weckte ihn und machte ihm Vorwürfe. Er war erbost, geriet in Rage. Es gab ein Geschrei und eine Rangelei. Dabei soll der Mann die Frau gedrosselt und ihr Haarbüschel ausgerissen haben. Auf den im selben Haus wohnenden und herbeigeeilten Bruder ging der Mann ebenfalls los und biss ihm in die Finger. Als der Bruder in die Küche flüchtete, trat der Angeklagte die Zimmertür ein und warf dessen Frau einen Geldbeutel an den Kopf, dass sie vom Stuhl fiel. Weil der Angreifer das Haus trotz Aufforderung nicht verließ, rief man die Polizei.

Hinterher bedauerte der Angeklagte die Tat. Er entschuldigte sich und ließ den Schaden an der Tür in Höhe von 144 Euro reparieren. Die Verletzten stellten keinen Strafantrag.

Aber das zentrale Problem in seinem Leben bekam der Mann nicht in den Griff: Er greift nach wie vor zur Flasche. "Es gibt einen Punkt, dass ich nicht mehr aufhören kann. Ich kann es nicht erklären", sagte er gestern. So kam es - trotz des laufenden Verfahrens, trotz möglichen Widerrufs einer Bewährung - jüngst erneut zu einer Straftat: eine Schlägerei im Oktober. Auf offener Straße in Kulmbach. "Wir waren alle betrunken und haben uns gestritten. Ich weiß nicht mehr viel davon", gab der Mann an. Er sei leicht reizbar, wenn er getrunken hat. Zur Frage der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt begutachtete Michael Zappe vom Bezirkskrankenhaus Bayreuth den Angeklagten. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie stellte langjährigen Alkoholismus und Abhängigkeit fest: "Unter der Woche acht bis neun Bier täglich, und am Wochenende wurde durchgesoffen."

2,8 bis 3,5 Promille

Bei allen Straftaten habe der junge Mann vorher getrunken. Bei dem Vorfall nach dem Bierfest dürfte er mit 2,8 bis 3,5 Promille nach Hause gegangen sein. Dennoch habe er zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle verloren, sonst hätte er nicht aufgehört, seine Freundin zu drosseln und zu schlagen.

Der Sachverständige bejahte die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt und eine 18-monatige Therapie. Wenn die Alkoholsucht nicht behandelt werde, seien weitere erhebliche Gewalttaten zu erwarten: "In nüchternem Zustand hätte er nicht so aggressiv reagiert." Es bestehe die Aussicht, so Zappe, dass der Mann die Therapie erfolgreich absolvieren kann.

Verteidiger Ralph Pittroff hielt eine nochmalige Bewährung "mit Bedenken" für möglich. Zur Freiheitsstrafe von sieben Monaten müsse die Weisung kommen, an einer stationären sechsmonatigen Therapie teilzunehmen. "Er ist therapiewillig", sagte der Kulmbacher Rechtsanwalt über seinen Mandanten. Dagegen beantragte die Staatsanwaltschaft, den Angeklagten zur 18-monatigen Entziehung zu schicken.

Ein klarer Fall

Für das Schöffengericht war der Fall klar: Es muss etwas gegen Alkoholismus des Mannes unternommen werden. "Die Kammer sieht, dass Sie im Grunde ein anständiger Mensch sind, der Verantwortung für seine Familie übernimmt, der im Beruf zuverlässig und gut arbeitet", sagte die Vorsitzende. Das Amtsgericht habe tat- und schuldangemessen eine Freiheitsstrafe im unteren Bereich verhängt. Dieses Urteil werde nun abgeändert und eine die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet. "Das Gericht ist davon überzeugt, dass es für Sie die Chance ist, in die Spur zurückzufinden", erklärte Deyerling. "Es wäre schade, wenn Sie Ihr Potenzial vergeuden."