"Ich ist ein Anderer" heißt es bei Arthur Rimbaud, einem Dichter, der die Grenzen des Selbst sprengen wollte. "Selbst" ist die Jahresausstellung des Berufsverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberfranken (BBK) in der Villa Dessauer überschrieben, die noch bis zum 15. November zu sehen ist.

Die gute alte Identitätsproblematik: Schüler werden mit Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" traktiert, die Psychoanalyse propagierte neben "Es" und "Über-Ich" ein Ich als Persönlichkeitsinstanz, Arno Schmidt schrieb "Mein Leben?!: ist kein Kontinuum ... ein Tablett voll glitzernder snapshots", Adelbert von Chamisso und E.T.A. Hoffmann kreierten das romantische Doppelgängermotiv, und das Selbstporträt rangiert in der bildenden Kunst als beliebtes Genre - erwähnt seien nur van Goghs Selbstbildnisse und Max Beckmanns "Selbstbildnis im Smoking" als sehr bekannte Beispiele.

Alles Argumente für die aus den Reihen der 170 Mitglieder gewählte BBK-Jury, die Jahresausstellung 2020 des Verbands "Selbst" zu benamsen. Mit naturgemäß weiten Assoziationsspielräumen, die über Walli Bauers verfremdete Selbstporträt-Farbholzschnitte in Andy-Warhol-Serienmanier über eine Rauminstallation Andrea Landwehr-Ratkas mit Devotionalien persönlicher Erinnerung bis zu der originellen Interpretation des Ausstellungstitels bei Adelbert Heil als "Selbstfahrer" reicht.

Müßig und langweilig wäre es, katalogartig alle 24 Künstler abzuhandeln. Das kann der Besucher leicht nachholen mit Hilfe eines schön und sorgfältig gestalteten kleinen Ausstellungskatalogs, der im Entree der Villa kostenlos aufliegt. Deshalb sei der Punktstrahler auf einige Exponate gerichtet, die zunächst besonders auffallen und im Kunst-Gedächtnis haften bleiben: Heils gerade erwähnte Bronzen nannte er "Ich bin nicht Peter Maser". Peter who? Der Jesuit Peter Maser verwaltete 1781 Schloss Seehof und wird in des Aufklärers Friedrich Nicolai "Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781" erwähnt, einer wichtigen Quelle auch für die Bamberger Stadtgeschichte. Dieser Maser konstruierte wohl eine Art Tretauto, einen Vorläufer des Automobils, des Selbstfahrers. Zu sehen sind antikisierende Figuren auf einer Art Streitwagen, der Nicolais Beschreibung entspricht. Sorgfältig und handwerklich gekonnt ausgeführt.

Nicht gerade bierernst

Nicht gerade bierernst nähert sich Gerd Ressel dem Thema, der auf der Grenze zwischen Ölmalerei und Cartoon balanciert. In "Der Fälscher" verwandelt der Künstler einen tumben Bauern in Thomas von Aquin, in "Die Unvollendete" bleibt ein Akt form- und konturlos, und "Der Versager" zeigt einen Maler auf einem Hocker, der Anstalten macht, sich zu hängen - allein, auch das gelingt ihm nicht.

Konterkariert werden die komische Kunst Ressels von Harry Kramers düsteren Mischungen aus Fotografie und Druckgrafik "MeerMelancholie", die genau das zeigen: ein Menschlein in bedrohlichen Figurationen. Dazu passt die Videoinstallation "Schattenläufer" Gerhard Hagens, die in einem der kleinsten Villa-Räume atmosphärische Beklemmungen zu erzeugen imstande ist. Ein Mann auf der Flucht (vor sich selbst?), ohne Ziel, ohne Ende, aussichtslos.

Zunächst realistisch wirken die Fotografien Nelly Schrotts, die in Puppenstuben Artefakte der eigenen Kindheit platzierte. An die eigene Vergangenheit soll auch eine Aktion Gerhard Schlötzers erinnern: Er zeichnete aus dem Gedächtnis einen Grundriss der ersten Wohnung in der Kindheit und ruft dazu auf, es ihm gleichzutun (Kontakt per Mail: gschl@gmx.de). Dann sollen die entstandenen Zeichnungen auf den Bildträger geklebt und vor der Videokamera die Erinnerungen verbalisiert werden (Termine unter o. a. Mailadresse). Auch nach Ende der Ausstellung können noch Termine vereinbart werden.

Künstliche Intelligenz

Hyperrealistisch kommt dagegen die Fotoserie "Dei ex Machina" Thomas Michels daher. Er ließ zwölf Gesichter von künstlicher Intelligenz formen. Unterschriften wurden durch den Sprachassistenten "Siri" von Apple nach einem Dialog erzeugt. Ein Thema, das hervorragend zum aktuellen Theaterstück des TiG passt und zu einer kürzlich stattgefundenen Podiumsdiskussion über künstliche Intelligenz. David Grimm druckte seine Facebook-Aktivitäten aus und bündelte sie zu einem kontobuchähnlichen Konvolut. Gerd Kanz wiederum lässt in "Selbst 1-3" dem Betrachter viel Platz zum Rätseln, während Brigitte Böhler ihre Selbstporträts an klassischen Vorbildern ausrichtet und die Defekte einer gewöhnlichen Biografie sichtbar macht, ähnlich wie Friedemann Gottschald in "nichts hören - nichts sehen - nichts sagen", wesentlich abstrahierender jedoch.

Unbedingt Erwähnung finden sollte noch Christiane Toewe mit ihrer Soundinstallation "self". Auf ein Porzellanherz projiziert sie Geäder und lässt es zusammen mit Klopfgeräuschen lebensecht pulsieren - vermeintlich.

Gegenüberstellung

Gigantisch wirkt Thomas Gröhlings Gegenüberstellung zweier "Selbstporträts". Eine Holzbüste aus dem Jahr 1990 konfrontiert der Bildhauer mit einem Relief von 2020.

Sicher eine der gelungensten und sehenswertesten Arbeiten dieser Ausstellung. Die bis auf einige wenige Exponate, deren Themenbezogenheit sehr im Dunkeln verharrt, wiederum sehr gelungen ist. Erstaunlich, was Künstlerinnen und Künstler aus der nun ja Provinz heute leisten. Ob sie das auch im nächsten Jahr können bzw. ihre Leistungen zeigen, bleibt fraglich. Denn der Finanzsenat der Stadt hat wohl die finanzielle Beteiligung an Kunstausstellungen in Frage gestellt. Ein Affront für die Organisatoren von Kunstverein und BBK, die viel Herzblut und ehrenamtliche Arbeit in diverse Ausstellungen investieren und damit pathetisch gesagt Dienst an der Allgemeinheit leisten.