Charlotte Wittnebel-Schmitz

"Jemanden wie Sie würde man in einem anderen Land verrecken lassen." Als eine der Töchter von Arnold Berger erfährt, wie ihr Vater von einer Pflegerin verbal angegangen wurde, ruft sie wütend im St. Elisabeth Krankenhaus an und fordert, die Geschäftsführung zu sprechen. In der Folge habe sich die Klinikleitung bei Arnold Berger persönlich entschuldigt und telefonisch auch mit seiner Frau gesprochen.

"Unangemessene Sprache oder gar verbale Entgleisungen werden in unserem Krankenhaus nicht toleriert und unverzüglich geahndet - so auch in diesem Fall", heißt es in der Stellungnahme des Krankenhauses.

Die Klinikleitung habe sich umgehend nach Bekanntwerden bei Herrn Berger entschuldigt. Der Pflegedirektor sei dazu persönlich am Bett des Patienten gewesen. "Der Patient hat die Entschuldigung angenommen."

Erlebnisse, die nicht mehr tragbar sind

Das alles sind Erlebnisse, die die Familie zwar verärgerten, sie aber noch nicht dazu gebracht hätten, den Fall öffentlich werden zu lassen. Dann aber geschah etwas, das für sie nicht mehr tragbar erschien. "Das hätte nicht sein müssen! Das kann so nicht stehen bleiben", sagt eine der Töchter. "Das sind wir unserem Vater schuldig." Arnold Berger wurde am 28. Dezember aus dem Krankenhaus entlassen und das, obwohl er noch ansteckend war. "Weder ihm noch uns war das bewusst", berichtet die Familie. "Bist du negativ?", habe ihn seine Frau am Telefon gefragt, bevor die Familie ihn mit dem Auto vom Krankenhaus abholte. "Sonst würden sie mich nicht rauslassen", habe er geantwortet.

Die Stellungnahme des Krankenhauses beschreibt die Situation anders: "Letztlich haben wir dem mehrfach ausdrücklichen Wunsch von Herrn B. entsprochen, nach Hause entlassen zu werden, da sein Allgemeinzustand soweit stabil war. Er wurde über seinen Corona-positiven Test und die damit verbundenen Quarantänemaßnahmen mehrfach aufgeklärt, sodass wir davon ausgehen durften, dass Herr B. sich seiner Ansteckungsgefahr bewusst ist, sein Verhalten danach ausrichtet und seine Familie in Kenntnis ist."

Der Patient wurde am 22. Dezember, als das positive Testergebnis vorlag, mündlich durch den behandelnden Arzt darüber informiert, heißt es in einer zweiten Stellungnahme des Krankenhauses. Außerdem sei er umgehend auf die Isolierstation verlegt worden. Ebenfalls habe der behandelnde Arzt bei der Visite am folgenden Tag mit dem Patienten über die Erkrankung und die möglichen Komplikationen im Zusammenhang mit seiner schweren Grunderkrankung gesprochen.

Abschlussuntersuchung

Sechs Tage später, am Tag der Entlassung am 28. Dezember, sei die Information, dass der Patient weiter ansteckend sei, vom entlassenden Arzt nochmals im Gespräch mit dem Patienten thematisiert worden.

Bei der Abschlussuntersuchung, zu der auch eine Ultraschalluntersuchung, im stündlichen Abstand nach der Visite, gehöre und die einige Zeit in Anspruch genommen habe, habe der Arzt die Information mündlich vorgenommen. Hierbei sei nicht nur über den Befund der Ultraschalluntersuchung, sondern auch über das Risiko, welches von der weiterhin bestehenden Covid-19 Erkrankung ausgeht, gesprochen worden.

Patient orientiert und entscheidungsfähig

Außerdem sei Arnold Berger darauf hingewiesen worden, bei einer Verschlechterung des Zustandes, umgehend die Notaufnahme der Klinik aufzusuchen. In der Stellungnahme heißt es weiter: "Der Patient war am Tag seiner Entlassung orientiert und entscheidungsfähig und hat auf Nachfrage versichert, dass im heimischen Umfeld Schutzmaßnahmen getroffen werden."

Wer hier was mit wem gesprochen hat, es ist schwer zu klären. Denn es scheint kein Dokument zu geben, auf dem Arnold Berger mit seiner Unterschrift versichert, dass er trotz seiner bestehenden SARS-CoV-2-Erkrankung aus dem Krankenhaus entlassen werden will und sich des Risikos einer Ansteckung bewusst ist.

Ein solches Dokument wird jedenfalls trotz Nachfrage seitens der Redaktion nicht vom Krankenhaus erwähnt. In der ersten Stellungnahme heißt es nur: Die angeführten Probleme im Zusammenhang mit der Entlassung des Patienten würden im Moment intern aufgeklärt.

Die Redaktion fragte beim Leopoldina in Schweinfurt nach, wie andere Krankenhäuser solche Fälle handhaben. Die Antwort: Infektiöse Patienten, die keiner Krankenhausbehandlung mehr bedürften, könnten nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt in die häusliche Quarantäne entlassen werden. Das weitere Management übernehme dann das Gesundheitsamt.

Angehörige wussten nichts

Das Tragische bleibt: Niemandem der Angehörigen war bewusst, dass Arnold Berger noch das gefährliche Virus in sich trug. Nicht der 54-jährigen Tochter, die an Brustkrebs erkrankt ist und mit ihm im Auto saß. Nicht seiner Frau, die Arnold Berger pflegte und mit ihm in einem Bett schlief. Nicht dem Sohn, der seine Urlaubstage im Elternhaus verbrachte.

Die Hiobsbotschaft kam am nächsten Tag. Dass der Vater noch ansteckend ist, erfuhr die Familie durch den Hausarzt des Vaters. Dieser wollte Arnold Berger auf die Bitte seiner Frau hin untersuchen und die Medikamenteneinnahme abklären. Der Vater hochgradig ansteckend - "wir sind aus allen Wolken gefallen", sagt die Tochter.

Der Hausarzt will anonym bleiben, da er auch in Zukunft mit der Klinik in Kontakt ist. Seine Hausarztpraxis habe einen Anruf vom Krankenhaus erhalten, mit dem Hinweis, dass der Patient positiv sei. Da sei Arnold Berger aber schon entlassen gewesen. Der Hausarzt bestätigt den medizinischen Befund.

Befund aus den Laborwerten ersichtlich

Komisch ist: Im Bericht, der dem Hausarzt vorliegt, sei mit keinem Wort erwähnt, dass Arnold Berger positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden sei. Dieser Befund sei "in den Laborwerten versteckt", so der Hausarzt.

Als die verhängnisvolle Nachricht schließlich die Familie erreicht, ist es schon zu spät: Die 76-jährige Ehefrau erkrankt sehr schwer an COVID-19. Vollständig erholt hat sie sich bis heute nicht. Der Sohn hat nur leichte Erkältungssymptome. Es folgen drei Wochen Quarantäne für die beiden.

Zustand verschlechtert sich

Am 4. Januar verschlimmert sich die Situation. Arnold Berger wird mit massiver Atemnot ins St. Josef Krankenhaus in Schweinfurt eingeliefert. Die Diagnose: doppelseitige Lungenentzündung.

Im St. Josef Krankenhaus hätte man sich sehr aufmerksam um ihren Vater gekümmert. "Es war das genaue Gegenteil von dem, was wir im Eli erlebt haben", sagt eine der Töchter.

Arnold Bergers Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Am 9. Januar bricht er zusammen, kommt auf die Intensivstation.

Ein paar Tage später ruft das Krankenhaus die Familie an. Es zeichne sich ab, dass er es nicht schaffen werde. Die Töchter dürfen zu ihm ins Zimmer. In Schutzmasken und Schutzkittel gehüllt sehen sie ihren Vater das letzte Mal und verabschieden sich von ihm.

Seine Frau darf nicht zu ihm, da sie noch Corona hat. Zu ihrem Mann, mit dem sie seit 56 Jahren verheiratet ist. Sie wäre so gerne noch bei ihm gewesen, sagen die Töchter.