Ein Grüner oder ein Konservativer, ein Ideengeber oder einer, der immer dagegen ist; ein Techniker oder ein Naturliebhaber? Für Wolfgang Martin treffen all diese Attribute zu, und sie sind in ihm auch keine Widersprüche. Mit nach wie vor jugendlich-vorwitzigem Elan feierte er jetzt seinen 75. Geburtstag.

Wenn aus diesem Anlass Bürgermeister Roland Wolfrum den Stadtratsältesten augenzwinkernd als "Enfant terrible des Stadtsteinacher Stadtrats" bezeichnete, dann blickt er vorsorglich skeptisch, ob dies wirklich als Kompliment für seine vorsorglichen Mahnungen im Gremium gemeint war. Denn im Grunde ist Wolfgang Martin nur ein Humanist mit Umsicht, der allerdings dann vernehmlich dazwischenruft, wenn ihm etwas einseitig auszuufern droht.

Leben in Natur und Gemeinschaft

Erste Kontakte mit der Welt außerhalb der Familie hatte der gebürtige Frankfurter zunächst durch die katholische Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG). Mit den Pfadfindern kam er bei den verschiedenen Freizeiten hinaus aufs Land und erstmals mit dem Gegensatz von Leben in Natur und Gemeinschaft und dem in einer Stadt in Berührung. Diesen Gegensatz in Einklang zu bringen, beschäftigt ihn heute noch.

Seine Ausbildung an der Fachhochschule Koblenz als Keramik-Ingenieur war nur ein erster Schritt ins Berufsleben. Neben der Arbeit im Labor machte Martin am Abendgymnasium in Frankfurt das Abitur nach und studierte anschließend an der Technischen Universität Berlin Physikalische Chemie. Unvermeidlich war für ihn in dieser Zeit der Sog zur Friedens- und zur sogenannten 68er Bewegung, der es um kritisches Umdenken bestehender Verhältnisse ging.

Dass die spätere Suche nach einer passenden Bleibe gerade in Stadtsteinach endete, ist einem Zufall zu verdanken: Martins Frau fand eine Anstellung im Krankenhaus und er etwas später eine als Keramik-Ingenieur in Schwarzenbach/Saale als "Direktor für alles" der Porzellanmanufaktur Winterling, wo er sich insbesondere auch um die "Humanisierung der Arbeitswelt" kümmerte. Etabliert politisch engagierte sich Wolfgang Martin erst ab der Stadtsteinacher Zeit. Wolfgang Martin gründete die Bunte Liste Stadtsteinach (BLS), eine Wählerverbindung ohne Ideologie, aber mit ökologischer Ausrichtung. Für sie ist er seit 2008 im Stadtrat und macht mit deutlichen "Zwischenrufen" dann auf sich aufmerksam, wenn ihm Vorhaben zu weit gehen und für ihn unangemessen große Veränderungen bedeuten. Er war gegen die Ortsumgehung, weil sie in der jetzigen Streckenführung den Anstieg der Landschaft zum Frankenwald zerschneidet. Aber er ist auch für weniger Raum für Kraftfahrzeuge in der Stadt zugunsten von mehr Flächen für Fußgänger. Im Rathaus hat er Wohnungen geschaffen und seine Firma Süd-Solar etabliert - in einer Zeit, "als man Solartechnik hier noch gar nicht kannte". Das ehemalige Schulhaus aus dem Jahr 1821 beherbergt seit 2006 das Frankenwaldtheater und ist seit kurzem auch die Zentrale des international tätigen "Campus Cactus" für Kunst und Kultur im weitesten Sinn, um die sich Martins Tochter Hannah-Katharina kümmert. Wolfgang Martins kulturelles Engagement in Stadtsteinach begann allerdings schon früher mit der Gründung der Kulturinitiative "Die Wüste lebt", die seit 1997 in erster Linie zeitgenössische lokale Kultur, aber auch schlichtweg Treffen von Gleichgesinnten pflegt. lkl