Noch nie war Bildung so schwierig wie heute: In Coronazeiten kommen enorme Herausforderungen auf Lehrer und Schüler zu. Besonders betroffen sind Schüler in den Abschlussklassen der Gymnasien, Fachoberschulen, Realschulen und Mittelschulen. Ihr beruflicher Werdegang hängt von den Prüfungen ab.

Was kann man tun, damit es nächstes Jahr keine Bildungsverlierer gibt? Sollen Schüler einen Coronabonus bekommen? Wir haben mit erfahrenen Pädagogen gesprochen, die zwar nicht mehr im aktiven Dienst, aber immer noch mit der Schule verbunden sind und die Materie genau kennen.

"Nicht rechtzeitig eingestellt"

Für modifizierte Prüfungsbedingungen spricht sich Wolfgang Schoberth aus, der über drei Jahrzehnte Deutsch, Geschichte, Sozialkunde am MGF-Gymnasium unterrichtet hat. Er habe im Gespräch mit Abiturienten festgestellt, dass die aktuellen Erschwernisse nicht unerheblich sind: die langen Phasen des Distanzunterrichts, die reduzierten persönlichen Kontakte und die Schulschließungen. Es seien Klausuren ausgefallen, Absprachen mit dem Ministerium, was die Reduktion von Stoff und Klausuren angeht, seien nicht zuverlässig, und die Lernplattform Mebis falle ständig aus.

Grundsätzlich würde Schoberth am Zentralabitur festhalten. "Denn nur so sind Vergleichbarkeit und Gerechtigkeit gewährleistet." Aber es wäre ein Kompromiss, die Anzahl der zentralen Prüfungen zu reduzieren und vermehrt auf mündliche Prüfungen zu setzen.

"Die Spielräume für die Schule sollten erweitert werden, um den Schülern entgegenzukommen", sagt der ehemalige Gymnasiallehrer. Er glaubt, dass die Staatsregierung und das Kultusministerium die Krise insgesamt unterschätzt und sich nicht rechtzeitig auf die zweite Welle eingestellt haben.

"Man wird in Bayern nicht vom Zentralabitur abrücken", erklärt der frühere stellvertretende Schulleiter des CVG, Dieter Fischer. Er könne sich aber vorstellen, die Prüfungen zu verschieben, um den Schülern mehr Zeit zu geben. "Man könnte einiges entzerren." Weiter wäre es möglich, die Gewichtung zu verschieben, mehr mündliche Prüfungen, weniger schriftliche, und die Vorzensur höher zu gewichten.

Für mehr Kompetenz

Sein Credo im Coronajahr: "Wir müssen die Abschlussprüfung schülergerecht und schülerfreundlich hinkriegen." Mehr Kompetenz für die Schulen wäre hilfreich. Fischer, der von 1981 bis 2015 am Caspar-Vischer-Gymnasium Englisch und Geschichte unterrichtete, spricht von einer "ganz schwierigen Situation für die Planer vor Ort in den Schulen und im Ministerium". Es gebe "so viele Unwägbarkeiten, dass man viel falsch machen kann".

Siegfried Sesselmann aus Stadtsteinach, der 40 Jahre im Schuldienst war, zuletzt als Schulleiter der Grund- und Mittelschule Marktleugast, plädiert dafür, von den zentralen Prüfungsaufgaben nicht abzurücken. Beim Quali sollten die Prüfungen für Deutsch, Englisch und Mathematik weiterhin aus München kommen. Wenn Schulen die Prüfungen selbst zusammenstellen können, bestehe die Gefahr, dass die Ergebnisse der Abschlussprüfung verfälscht werden. Und die Wirtschaft müsse sich schließlich darauf verlassen können, dass die Noten aussagekräftig sind.

Schulleitung braucht Ideen

Auch in Coronazeiten sei es die Aufgabe der Schule, den Lehrplan zu erfüllen. "Dafür hat die Schule alles zu tun", betont Sesselmann. "Die Schulleitung muss Ideen haben. Die Lehrer müssen kreativ sein und motivieren. Die Eltern müssen mitziehen. Und es kommt darauf an, wie ernst die Schüler die neue Situation mit dem Distanzunterricht nehmen." Er sei optimistisch, so Sesselmann, dass die Schulen die Probleme meistern. Denn in den Schulen habe ein Generationenwechsel stattgefunden. Lehrer zwischen 25 und 45 Jahren gehen mit den Medien ganz anders um als die alten Haudegen: "Dann wäre alles zusammengekracht."

"Besser als zu Hause"

Auch Sesselmanns Kollege Michael Pfitzner aus Kulmbach, der über 40 Jahre im Schuldienst war, zuletzt als Rektor der Grund- und Mittelschule Stadtsteinach, ist ein Anhänger von zentralen Prüfungen. "Nur so kann ein Leistungsvergleich hergestellt werden." Von einem veränderten Notenschlüssel oder mehr Kompetenz für jede einzelne Schule hält er nichts, weil dadurch der Vergleich in Frage gestellt würde. Pfitzner plädiert für Wechselunterricht, wenn kein Präsenzunterricht stattfinden kann. "Das ist deutlich besser als das Lernen zu Hause."

Für die Jugendlichen sei digitales Lernen schwieriger. Die Lehrer müssten sich umstellen auf den Digitalunterricht: "Sie müssen es hinbekommen, dass Kinder einen festen Lernrhythmus haben.

Nach seiner Einschätzung ist allerdings in Pandemiezeiten weniger die Wissensvermittlung das Problem als die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler. Pfitzner: "Pädagogische Arbeit funktioniert nur im Gefüge der Klassengemeinschaft. Die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen bleibt auf der Strecke. Hilfsbereitschaft, Empathie, Teamfähigkeit oder Rücksichtnahme sind digital schwerer zu vermitteln."

An den zentral gestellten Aufgaben will auch Hans Wunderlich aus Kulmbach nicht rütteln. "Das hat zu einer gleichbleibend hohen Qualität geführt und zu Chancengleichheit", meint der frühere Rektor der Carl-von-Linde-Realschule. Was man in der aktuellen Situation ändern sollte, seien die Unterrichtsformen und die Unterrichtsangebote. "Hier kann man flexibler reagieren", so Wunderlich. Gruppenarbeit sei auch bei Ausweitung des digitalen Unterrichts denkbar. Dazu sei allerdings eine bessere Lernplattform als Mebis notwendig - Teams habe sich besser bewährt. "Da hat man in Bayern einiges versäumt."

Gut aufgestellt

Er habe hohen Respekt vor einer Vielzahl von engagierten Lehrern, die das Beste aus den Problemen machen, so Wunderlich. Nach seiner Ansicht seien die jungen Leute digital gut aufgestellt und könnten den digitalen Unterricht meistern. Was zu kurz kommt, sei der erzieherische Aspekt. Wunderlich befürchtet, "dass die Einschränkungen der Coronazeit zu Lasten der schwächeren, weniger bildungswilligen Schülern gehen". Deshalb müsse Sonderunterricht für Schwächere angeboten werden.