Das Plädoyer, das Staatsanwalt Timm Hain zum Thema Betäubungsmittelbesitz hielt, wäre eigentlich das Plädoyer eines Verteidigers gewesen. Hain sprach von Schuldeinsichtigkeit, von "vorliegendem dringendem Bedarf", er würdigte auch die Glaubhaftigkeit des 34-jährigen derzeitig arbeitslosen Familienvaters aus dem östlichen Landkreis. Er hielt ihm sogar zugute, dass er nicht in das "schmutzige Betäubungsmittelgeschäft" eingestiegen sei. Und musste doch eine Haftstrafe fordern. Wenngleich auf Bewährung. Über einen Sonderfall hatte am Donnerstag Richter Stefan Hoffmann zu urteilen.
Eigentlich wäre dieser Fall nicht vor das Amtsgericht gekommen, wenn die Polizei den 34-Jährigen wegen einer völlig anderen Angelegenheit daheim besucht hätte. Doch es wurde auf ein Klingeln hin nicht geöffnet und so ging ein Beamter durch den Garten, eine Hinterpforte suchend. Was ihm dabei an diesem 7. Juni 2016 gegen 10 Uhr auffiel, waren: Cannabispflanzen. Es wurden 24 Pflanzen von 686 Gramm Gewicht ausgemacht - von schlechter Qualität.
"Ich habe für mich keinen anderen Ausweg gesehen, mein Leben so zu behalten, wie es zu dem Zeitpunkt war", äußerte der wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln Beschuldigte, eine Erklärung folgen lassend: die, wonach er mittlerweile (seit Juni 2016) von der Bundesopiumstelle eine Sondergenehmigung für erlaubten kontrollierten Erwerb und Eigenkonsum habe. Und er zählte auf, wieso: chronische Schmerzen im Mittelhandknochen, emotional instabile Persönlichkeit, Angstzustände, Albträume. Unter all diesen Dingen, so bescheinigte ein Arztbericht aus dem Jahr 2015, habe der Mann vor seiner mit Cannabis flankierten Therapie vermehrt gelitten. Dann konfrontierte der 34-Jährige das Gericht mit seinem 2012 unternommenen Selbstmordversuch durch Strangulation.
Das Problem des Beschuldigten bestand in mehreren Umständen. Zum einen zog der 34-Jährige Pflanzen auf und konsumierte Cannabis zu einem Zeitpunkt, als ihm die Erlaubnis der Bundesopiumstelle noch nicht vorlag. Zum anderen stand er während dieser Zeit unter einschlägiger Bewährung. Vier Einträge im Bundeszentralregister sprechen von Verstoß gegen das Versammlungsgesetz, von Sachbeschädigung und zweimal auf Betäubungsmittelvergehen, weshalb eine 15-monatige Haftstrafe zur Bewährung erging. Zu einem anderen Zeitpunkt im Jahre 2014 erließ ein Gericht eine Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro gegen ihn - auch wegen Besitzes von Marihuana. Der Sachverhalt selbst war also nicht das Problem, eher das rechte Strafmaß. So formulierte es jedenfalls Staatsanwalt Hain. Er befand auch, dass es dem Angeklagten sehr wohl "zuzumuten" gewesen wäre, mit seinem Konsum bis zur Genehmigungserteilung der Bundesstelle zu warten, bemerkte aber auch gütlich die Absicht des 34-Jährigen, über den Eigenkonsum hinaus nicht auch noch Handel mit Cannabis getrieben zu haben. Unterm Strich gelangte Hain zu dem Schluss, dass noch einmal eine Bewährung verhängt werden könne. Sieben Monate Haft forderte er, zudem eine Bewährungszeit auf drei Jahre und 120 Stunden gemeinnützige Arbeit. Richter Hoffmann schloss sich nach längerer Überlegungszeit an. MH