VON Robert Wachter

Hain — "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht...." So beginnt die allgemein bekannte Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis der Bibel. Genau dieses Thema "Schöpfung" hat der weit über Oberfranken hinaus bekannte Künstler Hubert Weber (1920 bis 2013) im Jahr 1964 mit seiner ihm ganz eigenen Ausdrucksweise in der Eingangshalle der ehemaligen Schule von Hain visualisiert.
Bekannt wurde Weber auch als der Künstler ohne Hände, denn Weber hatte im Zweiten Weltkrieg an der Front beide Hände verloren. Kein geringerer als Professor Ferdinand Sauerbruch, einer der bedeutendsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts, hatte ihn mehrmals operiert und dem damals jungen Weber neue Bewegungsmöglichkeiten mit eigens entwickelten Handprothesen zurückgegeben. Mit diesen startete Hubert Weber in jene beachtliche und erfolgreiche künstlerische Karriere, trotz der schwierigen Grundvoraussetzungen.

Urknall

Zentrum des Hainer Wandbildes ist "schöpfungsgemäß" eine grelle Lichtexplosion, die Lichtwerdung auf der Erde, die hier auch als der "Urknall" noch charakterisiert werden kann. Sie bestimmt mit ihren Strahlen die gesamte expressiv-kubistisch anmutende Bildkomposition der Darstellung, die in einem regenbogenfarbigen Gesamtkolorit aufleuchtet. Gleichzeitig scheidet eine nach unten eingeknickte lilafarbene Strahlenformation die Elemente Himmel, Wasser und Land. Stilisierte Tiere verkörpern sie zusätzlich: rechts unten das Land mit drei ponyartigen Vierbeinern, links unten das Wasser mit einem Schwarm aus sechs Fischen sowie stellvertretend für das Getier der Lüfte beziehungsweise des Himmels durch einen Schwarm von sieben Vögeln, die aus dem oberen linken Bildrand herbeischwirren.
Alle Tiere streben dabei auf die Lichterscheinung als das zentrale Bildmotiv zu. Auffallend ist nur ein kleiner weißer, taubenförmiger Vogel, der sich mit der Strahlenausbreitung des Lichtes treiben lässt. Zumal er gezielt über dem Wasser (Fischschwarm) fliegt, kann er als das Symbol für den "Heiligen Geist, für den oben schon erwähnten "Geist Gottes", angesehen werden, "der auf dem Wasser schwebt".

Gut erhalten

Bemerkenswert ist die gute Erhaltung des Wandbildes, trotz des früheren Schulalltages, mit der unverblassten Farbbrillanz. Diese verdankt man der besonderen Technik, in der Weber das Bild ausführte, der sogenannten Enkaustik. Bei jener, auch als Wachsglättetechnik bekannten Malform, die ihre Blütezeit in der römisch-griechischen Antike erlebte, werden in Wachs gebundene Farbpigmente heiß auf den Maluntergrund aufgetragen. Dadurch erhält die Oberfläche, wie auch die des Hainer Wandbildes, einen leicht seidig glänzenden Schimmer.
Die Hainer Bürger dürfen sich glücklich schätzen, dass sie so ein fantastisches Werk eines so bekannten Künstlers in einer so haltbaren Ausführung ihr Eigen nennen dürfen. Es ist ein hervorragendes Zeugnis für die heute leider nicht mehr übliche, aber in der "Wirtschaftswunderepoche" geförderte "Kunst am Bau".
Es bleibt zu hoffen, dass das herrliche und im Stil seiner Entstehungszeit erschaffene Wandgemälde auch zukünftig der Blickfang und das künstlerische Highlight des vom Kronacher Architekten Baptist Detsch geplanten früheren Schulgebäudes bleiben wird, trotz seiner unmittelbar bevorstehenden Modernisierung.
Das Kunstwerk stellt den wohl größten Wert und das einzige herausragende Erbe jener Epoche der Nachkriegszeit in Hain dar. Ein Kleinod, das man dort nicht vermuten würde.