Sebastian Martin Im 19. Jahrhundert kam es in Bamberg wie im Rest von Bayern zu zahlreichen aufsehenerregenden Gerichtsprozessen. Im Mittelpunkt stand dabei aber nicht etwa Mord oder Totschlag, sondern die Reinheit des Bieres. Auf der Anklagebank fanden sich namhafte Bamberger Brauer wieder.

Davon berichtet Autor und Brauerei-Historiker Christian Fiedler in seinem neuen Buch "Bamberger Biergeschichten", das Ende Oktober erscheint. Der erste "Bierpanscherprozess" begann laut seinen Aufzeichnungen am 9. Dezember 1878 im überfüllten Saal des königlichen Bezirksgerichts - ihm sollten etliche weitere folgen. Worum ging es?

Der Angeklagte

Auf der Anklagebank saß im ersten "Bierpanscherprozess" am 9. Dezember 1878 der Brauer vom Polarbär in Bamberg, Valentin Welsch.

Der Vorwurf

Laut Anklage hatte der Brauer des Polarbär "über eine Nürnberger Firma zwischen September 1876 und Mai 1878 rund 155 Kilogramm doppelkohlensaures Natron bezogen und dieses dem Bier beigemischt", schreibt Fiedler.

Zum Prozess wurden Sachverständige herangezogen, denn das Vergehen war ohne entsprechende Expertise niemals nachvollziehbar. Laut Fiedlers Aufzeichnungen erklärte ein königlicher Bezirksgerichtsarzt und Medizinalrat, dass viele Brauer die Biere mit zu wenig Malz einkochten, wodurch diese schnell sauer würden. Das Natron würde dann zur Entsäuerung der Biere eingesetzt. "Das Beifügen von Natron war ein klarer Verstoß gegen geltendes Gesetz: Gemäß dem Malzaufschlaggesetz vom 16. Mai 1868 war die Verwendung anderer Stoffe außer Hopfen und Malz beim Brauprozess verboten und wurde bestraft."

Der königliche Staatsanwalt forderte eine Geldstrafe von 300 Mark wegen des Verstoßes gegen das Malzaufschlaggesetz. Zwar diente dieses Gesetz auch der Reinheit des Bieres ("Reinheitsgebot"), doch hatte es noch eine viel wichtigere Funktion: Die Steuer auf Malz war eine wichtige Einnahmequelle für den Staat. Welsch, wie andere Brauer später auch, wurde deshalb nicht wegen eines Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz angeklagt, sondern vielmehr wegen eines Steuervergehens: Wie Fiedler in seinem Buch schreibt, war damals nämlich nicht die Menge des gebrauten Bieres besteuert worden, sondern die Menge des Malzes. Bei diesem wollten viele Brauer sparen.

Die Verteidigung

Valentin Welsch gab im Prozess 1878 an, "das Natron hauptsächlich zum Reinigen von Fässern verwendet zu haben und es nur ,messerspitzenweise' dem Heinslein (Nachbier) beigemischt zu haben".

Das Urteil

Das Gericht aber schenkte den Aussagen des Brauers keinen Glauben und verurteilte ihn wegen des Verstoßes gegen das Malzaufschlaggesetz zu einer Geldstrafe von 200 Mark sowie zur Übernahme der Verfahrenskosten. In der Revision wurde die Strafe auf 100 Mark reduziert.

Die Folgeprozesse

So wie Valentin Welsch versuchten damals viele Brauer zu tricksen. Der spektakulärste und umfangreichste "Bierpanscherprozess" folgte im Oktober 1885: Josef Reinlein, Besitzer der Brauerei Mohrenpeter in der Oberen Königstraße, war seinem Namen so überhaupt nicht gerecht geworden. "Ihm warf die Anklage vor, dem Gerstensaft pulverisiertes Süßholz und Natron beigemischt zu haben, was dem Bier eine dunklere Farbe verliehen hatte." Um gesundheitliche Beeinträchtigungen ging es auch in diesem Verfahren nicht, da Zucker in der Regel ungefährlich war. Wie Fiedler schreibt, ließ sich durch Natron und Süßholz vielmehr eine "Biercouleur" als Farbstoff herstellen. Dadurch wurde der Gerstensaft dunkler und vollmundiger im Geschmack. "Somit täuschte das versetzte Bier einen höheren Malzanteil vor und ließ sich für einen besseren Preis verkaufen." Auch Reinlein wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Danach sollte es in den Folgejahren noch zu einigen Verfehlungen von Brauereien kommen.

Die Öffentlichkeit

Die "Bierpanscherprozesse" wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Im Fokus der Öffentlichkeit standen dabei auch drei Kaufleute der Firma Wich & Co. in München. Sie hatten "zahlreiche Brauer in ganz Bayern mit Zusatzstoffen wie Zuckercouleur, Natron, Tanninsäure, Gelatine, Salicylsäure oder Kalk beliefert". Die drei Beschuldigten wurden bei Prozessen in München, Memmingen oder Regensburg sogar zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Auch sie wurden von den Initiatoren des Bamberger Faschingsumzugs von 1885 zum Thema gemacht. Es gab laut Fiedler sogar zwei Motivwagen: "Der erste zeigte das ,Laboratorium Wich & Comp.‘ - dargestellt wurde eine Giftküche mit Töpfen und Essenzen, der Wagen selbst war mit Totenköpfen verziert. Direkt dahinter folgte ein Wagen, der zeigte, was mit den Herstellern unreinen Gebräus passieren sollte: Ihr eigenes Bier wurde ihnen eingetrichtert - und im Fegfeuer sollten sie büßen! "

Mehr wird in den "Bamberger Biergeschichten" von Christian Fiedler zu lesen sein.