Eine Tankstelle. Mitten im Wald. 16 Frauen und Männer zapfen Ruhe und Entspannung von der Hektik des Alltags. Schier endlos recken sich die Buchen in die Höhe. Blicke wandern am kerzengeraden Stamm nach oben, hangeln sich von Ast zu Ast durch das lichtdurchflutete Blätterwerk.

Das sanfte Rauschen der Blätter lässt die Teilnehmer der Wanderung, die die frische Luft der Umgebung förmlich aufsaugen, zur Ruhe kommen. Unterhalb des Kordigasts, unweit einer ehemaligen Schürfstelle, baden sie auf Einladung der Gemeinde Altenkunstadt in der Wohlfühlatmosphäre des Waldes.

Stefan Hanke, braungebrannter, athletischer und redegewandter Typ mit Wanderschuhen und Rucksack, wird für drei Stunden zum Waldbademeister. Er nimmt die Männer und Frauen aus nah und fern mit auf eine Reise, in der alle Sinne geschärft werden. Sobald der staatlich zertifizierte Waldpädagoge aus dem Weismainer Ortsteil Geutenreuth sein fachliches Wissen wie ein Füllhorn über die Teilnehmer ausschüttet, spürt man: Hier spricht ein Naturliebhaber.

"Schon als Kind war der Wald mein Spielplatz, in dem ich mit Freunden Lager gebaut habe", verrät der sympathische Mittfünfziger. Er nimmt den Wanderern die Furcht vor den tierischen Bewohnern des Waldes, macht sie auf die Borkenkäferproblematik aufmerksam und bricht den Blütenstengel einer Brennnessel ab. "Den kann man essen." Spricht's und lässt seinen Worten Taten folgen. "Er hat einen leicht nussigen Geschmack."

Ein paar Sätze verliert Hanke auch über den einstigen Eisenerzabbau. Er vermutet, dass auf der Fuhr, die bergauf zum Kordigast führt, sich einst Schienen befanden, auf denen mit einer Lore der Bodenschatz talabwärts transportiert wurde.

Die Blicke der Spaziergänger schweifen auf andere Bergrücken, auf denen noch die Nadelhölzer dominieren. Hanke führt ihnen vor Augen, dass der Umbau zu klimatoleranten Mischwäldern in 50 Jahren ein ganz anderes Panorama entstehen lassen werde.

Der Waldpädagoge ermuntert die Teilnehmer, Schuhe und Socken auszuziehen. Barfuß stapfen Alt und Jung über die Bozzelküh, wie die Fruchtträger der Nadelbäume auf fränkisch heißen. Diese werden fälschlicherweise oftmals als Tannenzapfen bezeichnet. "Tannenzapfen fallen nie als Ganzes vom Baum", schärft er den Zuhörern ein. Es seien nur die Samen und Schuppen, die sich von den Zapfen lösten und zu Boden segelten. Die Zapfenspindel der Tanne hingegen, bleibe stehe.

Bei den am Boden liegenden Zapfen handele es sich, so Hanke, um Fichten- oder Kiefernzapfen, die meist mehr oder weniger stark herabhängen und im Ganzen abfallen. Die Füße der Wanderer graben sich in den weichen Waldboden. "Das tut der Fußsohle gut", schwärmt Michael Rost. Der 43-jährige Weismainer fühlt sich nach eigener Aussage geerdet. Man habe Kontakt zum Untergrund, wie sonst nur beim Baden am Strand.

Mit verbundenen Augen

Hanke packt aus seinem Rucksack Masken aus. Es sind keine FFP2-Masken, wie man in Corona-Zeiten vermuten möchte. Der Waldbademeister verteilt Augenbedeckungen. Katja Thierauf aus Redwitz setzt sich eine auf. Von ihrer Redwitzer Freundin Brigitte Ammon lässt sie sich durch den Wald führen. Wie ist es, blind durchs Gehölz zu laufen? "Man verlässt sich auf andere Sinnesorgane. Man hört mehr auf Geräusche, achtet auf seine Schritte und die Partnerin."

Rost umarmt derweil mit verbundenen Augen eine Buche. "Das gibt einem einen starken Halt", beschreibt er sein Empfinden. Seine Vorstellung von einer glatten Buchenrinde erfüllt sich indes nicht. Hanke klärt die Teilnehmer über die Sinnestäuschung auf: "Eine Buche sieht glatter aus als ein Nadelbaum. Aber beim Berühren spürt man, dass auch dieser Baum Furchen hat, die sich rau anfühlen.

Am Ende wird die Veranstaltung zu einem kleinen Fest für die kulinarischen Sinne.

Bei einem fruchtig-erfrischenden Sahnequarkdessert zieht Renate Bender aus Altenkunstadt ihr persönliches Fazit: "Das Waldbaden ist eine ganz tolle Entspannung. Man legt die Hektik des Alltags ab und taucht ein in eine ganz andere Welt, in der man seine Seele für ein paar Stunden baumeln lassen kann."