Man kann das natürlich machen. Aus einem Text einige Bausteine extrahieren und assoziativ darüber improvisieren, am besten zusammen mit einem Schauspielerkollektiv. Hannes Weiler hat das gemacht, es ist seine Spezialität.

Der Regisseur bearbeitete bereits Bulgakow, Stendhal , in Bamberg 2016 E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“. Das Schauerromantische, Psychopathologische hat es ihm offenbar angetan. Nun hat er sich zusammen mit dem Ausstatter und bildenden Künstler Florian Dietrich über den „Sandmann“ hergemacht, der im Studio bis Ende April zu sehen ist.

Das von Hoffmann laut Auskunft seines Biografen Rüdiger Safranski nicht sonderlich geschätzte Nachtstück, vor über 200 Jahren entstanden, birgt ja in der Tat erschröckliche Momente, die auch dem horrorgestählten Leser/Zuschauer von heute Schauer über den Rücken jagen können – vor allem dem Motiv herausgerissener Augen geschuldet. Dazu das Protokoll einer psychischen Erkrankung, Einbruch des Wahnsinns in den Alltag, wie so oft bei E.T.A. Hoffmann , dazu das Motiv des künstlichen Menschen, dazu eine abenteuerliche Erzählstruktur aus Briefen und dann auktorialem Erzählen: All dies macht die Geschichte vom Hamburger Thalia- bis zum Bamberger Marionettentheater zum zeitlos interessanten Sujet.

Fantastische Kostüme

Wobei in Weilers Version E.T.A. Hoffmanns Geschichte erst nach 15 Minuten mit „Ach – Ach – Ach“ durchschimmert, bekanntlich die einzige Äußerung, zu der die Automate Olimpia fähig ist und damit den Helden Nathanael begeistert, der sich in der Figur narzisstisch spiegelt.

Vorher reden die Figuren wirr durcheinander. Vater, Mutter, Nathanael und Clara tauchen auf in fantastischen, surrealen Kostümen und wechseln die Rollen flottierend, keine leichte Aufgabe für drei Schauspieler und eine Schauspielerin , die sie jedoch professionell bewältigen. Die Logorrhoe der Protagonisten mit umgangssprachlichen Phrasen und Wortschleifen geht auf die Nerven, wie wohl tut dann ein Originalzitat aus Hoffmanns Text.

Es sind Bruchstücke, die verfremdet und durch die Mühle Weiler’scher Fantasmagorien gedreht wieder auftauchen: Clara als die Stimme der Ratio und Aufklärung, natürlich, ist man geneigt zu sagen, gesprochen von einem Mann, wie Nathanael zu Beginn von Clara Kroneck gespielt wird.

Der Dämon Coppelius erscheint in der gelungensten Passage dieses „Sandmanns“: als blutrot verfremdete (Alp-)Traumgestalt einer Einspielung in der Manier expressionistischer Filmkunst der 1920er Jahre, so à la F. W. Murnau ( Video ebenfalls Hannes Weiler).

Das Perspektiv, Coppola dagegen: wegeskamotiert. Permanent jedoch die soundtrackartige Musikuntermalung, die mal wabert wie Tangerine Dream , mal softbluesig schmust, mal sperrig knallt: Dochdoch, aufwendig und gekonnt gemacht das alles, immer auf dem Stand der Technik mit Stimmverfremdungen etc.

Aufwendig für eine Studioproduktion ist auch das Bühnenbild Florian Dietrichs: im Vordergrund ein Netz – zersprungenes Glas! – mit einer überdimensionierten Kralle – Augen auspicken! –, dahinter eine doppelte Wand – Geisterbahn-Kulisse?

Häusliches Glück

Bleibt Olimpia. Die schaut aus wie dem Film „Die Fliege“ entnommen, wird aber bald achtlos zur Seite geworfen. Sie reinkarniert in den Kulissen; es dürfte einzigartig sein, dass sich ein Dialog zwischen Protagonist und Bühnenbild entwickelt, wie aus einem Science-Fiction-Roman Stanislaw Lem. Ach ja, Claras häusliches Glück erscheint nicht ungetrübt als Reihenhaus-Idylle.

Bis zum Schlussmonolog Nathanaels vor dem Sprung ist dieser Sandmann also vollgestopft mit Ideen, Assoziationen, Verweisen, Uneindeutigkeiten – ist Nathanael nun verrückt oder nicht? Das kann man alles machen, allein, es fragt sich: warum und zu welchem Ende? Haben Weiler und sein Team aus dem alten Text neue Funken geschlagen, oder sind die in all dem technischen und optischen Overkill, dem hektischen Gerede zerstoben? Das darf jeder selbst entscheiden.