Die farbliche Fassung und die gemalten Altartafeln kommen um das Jahr 1504 hinzu. Bei Restaurierungen habe man tatsächlich nachweisen können, dass die Holzoberfläche bei Riemenschneider noch ohne Fassung, also Bemalung, war. Die letzten Farbfassungen der Schnitzfiguren wurden erst 1977/78 entfernt.
Unklar ist bis heute, wie der ursprüngliche Altaraufbau tatsächlich gewesen ist. So könnte der heute durchblickende Schrein auch eine geschlossene Rückwand gehabt haben. „Diese Diskussion ist noch offen“, so Dr. Lichte.
Der Ist-Zustand des heutigen Riemenschneider-Altars sei ein Ergebnis seiner wechselvollen Geschichte und vereine Werke aus unterschiedlichen Jahrhunderten, erläuterte Claudia Lichte. Der Altar stehe für weit größere Zusammenhänge im Schaffen zweier der bedeutendsten Künstler des Spätmittelalters. Er sei durch seine Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte Zeugnis sich wandelnder Liturgie und von Bedürfnissen der Gemeinde.
Immer wieder neue farbliche Fassungen
Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Flügelaltar von Tilman Riemenschneider und Veit Stoß durch eine Altarschauwand im Stil des Barocks ersetzt. Im Zentrum stand das heute noch im Chorraum hängende Noli-me-tangere-Bild. 1756 wurde die Magdalenenfigur aus dem Hauptaltar entfernt, wohl aus sittlichen Überlegungen, erklärt Dr. Lichte.
1833 schließlich ließ die Pfarrgemeinde einen neuen Hochaltar im Stil der Neugotik errichten. Hier fanden die fünf Figuren aus dem Riemenschneideraltar, wiederum neu gefasst, ihre Aufstellung.
In diese Zeit fiel aber auch der Verkauf wertvoller Bildwerke des Altars, so der Maria Magdalena, der vier Evangelisten, der zwei Flügelreliefs und wahrscheinlich auch des bis heute verschollenen Marienbildes.
Die Marienfigur, die heute im Altar zu sehen ist, ist ein Original von Lothar Bühner, der die Muttergottes im Stil Riemenschneiders 1997 geschnitzt habe. Von Bühner stammen auch die Kopien der heute nicht mehr in Münnerstadt im Original befindlichen Figuren.
1953 wurde an den in Münnerstadt verbliebenen Figuren, darunter der Heilige Kilian, die Heilige Elisabeth, die Farbfassungen abgenommen. 1978 erfolgte die Rekonstruktion des Riemenschneideraltars. Das Altargehäuse wurde von Wolfgang Gsaenger und Julian Walter nachempfunden. Die Veit-Stoß-Tafeln erhielten ihren Platz im Chor, ebenso das Noli-me-tangere-Bild.
Es gebe auch Kritiker, die den heutigen Altaraufbau hinterfragen, wusste Claudia Lichte zu berichten. Das liegt daran, dass der alte Altaraufbau verloren gegangen ist und die Betrachter heute eine Rekonstruktion und somit nicht den originalen Zustand vor sich sehen. „Was heißt schon original?“, fragte sie in die Runde. Für sie ist der Altar ein Gesamtkunstwerk mit vielen Originalen aus mehreren Jahrhunderten.
Pfarrer P. Markus Reis dankte Dr. Claudia Lichte für ihren Vortrag. Viele neue Aspekte hätten das Publikum erfahren, die man beim Betrachten erst einmal nicht sieht. red