Valentin Kestel besuchte einst die tunesische Höhlenstadt Matmata, die die Kulisse für den weltberühmten Hollywood-Film "Krieg der Sterne" bildete. Auch den großen Salzsee im Süden des nordafrikanischen Landes, den Karl May in seinen Orient-Romanen berühmt gemacht hat, überquerte er.
Wer jedoch meint, der heute 55-Jährige habe auf seinen Geschäftsreisen für die Burgkunstadter Maschinenfabrik Fischer die Schönheiten der Welt kennengelernt, der befindet sich auf dem Holzweg. "Meistens habe ich nur die Inneneinrichtungen der von mir besuchten Firmen gesehen", betonte er bei seiner Verabschiedung im "Fränkischen Hof" in Baiersdorf.


Keine Urlaubsreisen

Wie es zu den Ausflügen kam, verriet er bei der kleinen Feierstunde ebenfalls. 37 Jahre lang hielt er dem Unternehmen aus Burgkunstadt die Treue, das Cordschneideanlagen für die Reifenindustrie herstellt. Auf seinen Reisen sah er nicht nur die Firmen von innen, sondern lernte auch deren Mitarbeiter kennen. Das ist für Kestel, der im Burgkunstadter Ortsteil Meuselsberg wohnt, der Unterschied zu einer Urlaubsreise: "In den Ferien sieht man sich die Landschaft an. Auf einer Dienstreise hingegen spürt man hautnah die Mentalität der Menschen und kommt in Kontakt mit ihrer Kultur."


Viele Eindrücke gewonnen

Die Amerikaner würden alles viel lockerer sehen, sagte Kestel. In der Türkei und in Australien herrsche ein fairer und ehrlicher Umgang zwischen den Menschen. All das seien Eindrücke, die er von seinen Auslandseinsätzen mit nach Hause genommen habe.
Als er Ende der siebziger Jahre bei der Firma Fischer seine Lehre zum Elektroanlageninstallateur begann, habe er nicht im Traum daran gedacht, einmal die Welt zu bereisen und eine andere Sprache zu sprechen. "Englisch wollte ich eigentlich nie lernen, da ich dachte, auf dem Land braucht man das nicht", gab Kestel offen zu.


Im Hotel Vokabeln gepaukt

Zunächst behalf sich der junge Mann mit einfachstem Schulenglisch, dem Reden "mit Händen und Füßen" sowie der Zuhilfenahme erfahrener Kollegen, die ihn auf seinen Dienstreisen begleiteten. Doch damit kam er nicht weit. Und so paukte er abends im Hotel Vokabeln. Mit der Zeit gingen die Fachausdrücke und die Redewendungen, die man beim Aufstellen und der Inbetriebnahme von Cordschneideanlagen benötigt, in Fleisch und Blut über.
Seine Aufträge führten ihn in insgesamt 21 Länder. "Ich war in Argentinien, Brasilien, Indien, Schottland, Südafrika und in den USA", zählte er einige seiner Reisestationen auf. Darauf angesprochen, was das Schöne an der Arbeit im Ausland gewesen sei, musste Kestel nicht lange überlegen: "Ich hatte keinen Chef im Genick, sondern nur die Zeit."
Ende der 80er Jahre bildete sich Kestel zum Softwaretechniker weiter, um dann 2006 in den Vertrieb zu wechseln. Als Projektleiter erstellte er Angebote für die Modernisierung bestehender Cordschneideanlagen. Eine Arbeit, die ihn erneut auf Reisen führte.
"Insgesamt 30 Jahre war ich immer wieder auf Dienstreisen im In- und Ausland", resümierte der 55-Jährige. Er ist stolz darauf, zum wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens von Weltrang ein klein bisschen mit beigetragen zu haben.


"Loyal und zuverlässig"

"Mit Deinem Know-how und Deiner Erfahrung hast Du unser Geschäft angekurbelt. Du warst immer loyal, ehrlich und zuverlässig", würdigt Geschäftsführer Detlef Knorr die Verdienste Kestels, der aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhestand geht.
Doch was hatte ihm 1985 bei seinem Aufenthalt in Tunesien die Ausflüge ins Landesinnere beschert? "Ein Strom- und Luftdruckausfall bei dem tunesischen Reifenhersteller. Für einen jungen Kerl wie mich, der damals 23 Jahre alt war, war es schon beeindruckend, die Höhlenstadt und den Salzsee zu sehen." Diese Gelegenheit bliebt jedoch die Ausnahme.